Giambologna Badende Venus
gegossen 1697 oder 1597, thats the question
2 oder 60 Mio € ?
Die Bronzefigur tauchte in den 1980er Jahren im französischen Kunsthandel auf,
nachdem sie - angeblich - bei einem Altwarenhändler entdeckt wurde. Untersucht
wurde sie im Getty-Museum in LA und dort für eine späte Kopie von Giambolognas
berühmter Marmor-Venus der 1560er Jahre gehalten. Der Kunsthändler Alexander
Rudigier (London) bezweifelt das. Er kaufte die 112 cm große Bronze (mit Guy Ladrière)
und glaubt in jahrelangen Recherchen nachgewiesen zu haben, dass sie von
Giambologna selbst stammt. Dies wird von vielen Fachleuten bezweifelt, vom Besitzer
jedoch mit Nachdruck in einem reich bebilderten, 375 Seiten dicken Opus, in einer
eigenen Wikipedia-Seite und anhand Einschaltung von Rechtsvertretern verteidigt. Hier
die bisher wichtigsten Meilensteine einer Saga deren Ausgang noch offenen ist:
Eine der umstrittensten Fragen betrifft das Entstehungsjahr der Skulptur. Würde sie
tatsächlich aus dem Jahre 1597 stammen, wie von Rudigier behauptet, könnte sie
Giambologna zugeordnet werden, und ihr Wert wäre ungleich höher (geschätzte 60
Mio. €) als im Falle eines Entstehungsjahres 100 Jahre später (1697) durch einen
weniger bekannten Epigonen (geschätzte 2 Mio. €, und «dat is jut bezahlt!»).
Rudigier 2019
Marmorbüste 1571-73 Getty-Museum LA
Die Verwirrung hat folgende Ursache. Im Sockel der Bronze erscheint eine Jahreszahl die auf
ersten Blick wie 1697 (ANNO 1697) aussieht. Die zweite Ziffer (6) ist jedoch strittig. Eine
nicht gelungene "5" (16. Jhd.) nach dem Guss, meint Rudigier, eine ins Wachs geschlagene,
dann aber im Guss durch ein dahinterliegendes Loch (Lunker) verunstaltete "6" (17. Jhd.)
meint die auf Bronzen dieser Epoche spezialisierte deutsche Kunsthistorikerin Dorothea
Diemer. Laut ihr wurde für die «6» vermutlich eine für die "9" verwendete Punze um 180
Grad gedreht in die Wachsform gedrückt. Für eine "5" fehle der obere Querbalken, der in
der Datierung "25. Novembe[r]" gut erkennbar ist. Eigentlich logisch und gut
nachvollziehbar.
Ein zweiter Streitpunkt betrifft die Identität des Giessers. Die Inschrift "Me fecit Gerhardt
Meyer Holmiae" an der Säule des Sockels legt nahe dass die Bronze von einem Gerhardt
Meyer aus (oder in?) Stockholm gegossen wurde. Gehörte dieser aber wirklich zu der
bekannten Dynastie der Glockengiesser in Stockholm? Einen Gerhardt Meyer gab es dort
nachweislich erst im 17 Jhdt. Rudigier wiederum liefert Hinweise, wonach es einen
Vorfahren mit demselben Namen bereits im 16 Jhdt. in Florenz gab, auf den sich
Giambologna stützte. Dies stösst bei Dorothea Diemer und anderen auf heftigen
Widerspruch.
Ein dritter Streitpunkt betrifft den Ort des Gusses. Analysen zeigen dass zumindest die
Metalle Kupfer und Blei aus Schweden stammen. Dies legt nahe, dass der Guss in Stockholm
erfolgte, wie vom Giesser angegeben (Holmiae). Rudigier hingegen argumentiert dass diese
Metalle im Rahmen von Handelsbeziehungen aus Schweden nach Florenz geschafft wurden,
und dass der Guss erst dort erfolgte. Im Auftrag von Giambologna. Strange.
Uneinigkeit herrscht auch hinsichtlich der Interpretation der Thermolumineszenz (TL),
welche die einzige Methode ist, um das Gussjahr solcher Bronzen halbwegs sicher
abzuschätzen. Von Rudigier werden zwei Daten unterschiedlicher Zeit, Provenienz und
Präzision geliefert, einmal das Jahr 1582 mit einem Fehler von ±22 Jahren, entsprechend
einem TL-Alter von 414 Jahren (gemessen 1996) und einer wahrscheinlichen Zeitspanne
von 15601604 (Untersuchungen eines Berliner Labors 1996). Zum anderen die stark
nach unten abweichende Zeitspanne 1308-1608 ohne Angabe von Probenentnahme und
möglichen Fehlern (Labor in Oxford 2008). Beide Zeitspannen sind mit der von Rudigier
vertretenen Jahr 1597 für den Guss kompatibel, nicht aber mit 1697. Strange.
Dazu muss gesagt werden, dass die TL-Daten des Berliner Labors nur statistischen
Schwankungen Rechnung tragen, nicht aber systematischen Fehlern. Der auffallend
niedrige Fehler des TL-Alters (±19 Jahre, entsprechend etwa 5%) muss daher drastisch
erhöht werden (üblich sind ca. 20%). Dies führt zu einer wesentlich grösseren Zeitspanne
von möglichen Gussjahren, die durchaus kompatibel mit dem eingravierten Zahl 1697 ist.
Dabei hilft es nicht - wie von Rudigier vorgeschlagen - die Wahrscheinlichkeit seines
Gussjahrs (1582) von 68% (1σ ≈ ±19) auf 99,7% (3σ ≈ ±57) zu erhöhen, denn dieser
«Trick» funktioniert nur im Falle einer Normalverteilung der Messwerte (siehe
Abbildung), was bei der TL-Methode keineswegs erwiesen ist (Anhang 1).
Ein wesentlich jüngeres Gussdatum für die Venus als 1597 ist also nicht ausgeschlossen,
auch wenn dies nicht der Wunschvorstellung ihres Besitzers entspricht. Ähnliches gilt
auch für die Zeitspanne der Kontrollmessung aus Oxford (1308-1608), bei der auf die
Angabe des wahrscheinlichsten Gussdatums überhaupt verzichtet wurde.
Lumineszenz bei Entladung
Statistik der Normalverteilung
Thermolumineszenz
Radioaktive Aufladung
Rudigiers Angaben zur Herkunft der Bronze zeigen noch andere Schwächen:
Isotopenanalyse. Sie betrifft nur Blei, welches in der Venus Bronze mit einem relativ
hohen Gehalt von 3% zu Buche schlägt und als Herkunftstort nach Schweden weist. Für
Zinn werden keine Daten angegeben. Ob auch das Kupfer aus Schweden stammt und mit
Zinn vor dem Guss nach Florenz importiert wurde, und ob Blei erst nachträglich dem
flüssigen Metall zugemischt wurde, ist ungewiss. Ein diesbezüglicher Vergleich mit
anderen Giambologna-Bronzen aus dieser Zeit (etwa Fernando I.) wäre interessant.
Computertomographie (CT) und Radiographie mit Röntgenstrahlen wurden zur Klärung
des inneren Aufbaus der Bronze durchgeführt, insbesondere in der Nähe der ominösen
Ziffer 5 (6) des Gussdatums, die Zeitpunkte der Analysen wurden aber nicht klar
angegeben. Dies wäre notwendig, um einen möglichen Einfluss der Strahlung auf eine
künstlich herbeigeführte Erhöhung des TL-Alters auszuschliessen.
Auftraggeber und Herkunft der Bronze: Gemäss Rudigier war die Venus aus Bronze als
Geschenk des Großherzogs der Toskana, Ferdinando I. de’ Medici an den französischen
König Henri IV. gedacht. Ob sie 1599 tatsächlich geliefert wurde (Henri stand kurz vor
seiner Verlobung mit der reichen Florentinerin Maria de' Medici als 2te Frau), und wie die
Bronze nach Henris Ermordung 1610 und Marias Exil und Tod 1642 in Köln zu dem von
Rudigier genannten Schrotthändler in Frankreich gelangte, ist jedoch ungewiss, wie
Dorothea Diemer in ihrer Rezension des Buches von Rudigier zeigt (Anhang 2).
Zu erwähnen wäre noch dass die Bronze kürzlich in den Uffizien (Palazzo Pitti, Florenz)
gastierte, dessen Direktor mit Rudigier befreundet ist, und dass sie vorher nachweislich
2x zum Kauf angeboten wurde. Strange again.
Giambologna- Ferdinando I. 1608 Florenz
Henri IV
Maria von Medici, Gemälde von
Peter Paul Rubens 1621/1625
Kurz und gut, die Venus-Geschichte strotzt nur so von Unwahrscheinlichkeiten die Rudigier mit
einer beeindruckenden Anhäufung argumentativer Klimmzüge entkräften will: eine «eingravierte»
Ziffer «5» anstatt einer gepunzten «6» in der Vertiefung am Sockel der Bronze, die auf einen 100
Jahre früher erfolgten Guss (1597 anstatt 1697) hinweist; Guss in Florenz unter Aufsicht von
Giambologna, und nicht in Stockholm wie auf der Bronze angegeben (Holmiae), wobei die
verwendeten Metalle zwar aus Schweden stammen, aber nach Florenz exportiert wurden;
Hinweis auf einen zu Giambolognas Zeit unbekannten Giesser mit Namen Gerhardt Meyer in
Florenz, trotz eines bekannten Giessers dieses Namens in Stockholm 100 Jahre später; angebliche
Lieferung der Bronze an den französischen Hof im 16 Jhdt. (war es diese Venusbronze und ist sie
angekommen?), die auffällig geringen Fehlermargen der TL-Datierung die einen Guss im 17 Jhdt.
keineswegs ausschliessen…. dazu noch der nicht dokumentierte Fund der Bronze bei einem
französischen Altwarenhändler … man muss schon sehr mutig sein, um an eine Bronze von
Giambologna zu glauben und dafür tief in die Tasche zu greifen.
Dennoch kann sich der wackere Kämpfer Rudigier auf folgende international bekannte
Kapazunder der Materie berufen:
Eike Schmidt, ehemaliger Direktor der Uffizien in Florenz, der die Bronze ausstellte.
Bertrand Jestaz, Doyen der Renaissanceforschung in F, und Editor des Bulletin Monumental, tome
174, mit Artikel von Rudigier et al. 2019.
Lars Olof Larsson, Adriaen-de- Vries-Kenner, Ko-autor in Rudigiers Konvolut.
Ernst Pernicka, Prof. em. Uni Heidelberg, Ko-autor in Rudigiers Konvolut.
Charles Avery, Ex-Kurator am Victoria and Albert Museum und umstrittener Ex-Experte bei
Christie’s der die Zuschreibung einer Skulptur (Fata Morgana) an Giambologna hintertrieb, um sie
sich selbst anzueignen. Feines Früchtchen. KY Palazzo Pitti Bacchino
Brunnen 2019
Lunker unter der Ziffer 5/6
BY Uffizien (Eingang) 2018
Kritiker der Zuschreibung sind:
Dimitrios Zikos, Giambologna-Experte.
Getty Museum, die Bronze weilte dort jahrelang, bevor sie als Abguss aus dem 17 Jhdt.
bezeichnet und ein Kauf abgelehnt wurde.
Johann Kräftner, Chefkurator der Sammlung Liechtenstein; die Bronze stand 2013 Monate lang in
seinem Büro), bevor auch er den Kauf ablehnte.
Dorothea Diemer, eine auf Bronzen dieser Zeit spezialisierte Kunsthistorikerin.
Jean-Marie Welter, Luxemburg, ein auf Kupfer spezialisierter Metallurge, Editor von "Copper",
und Kenner der Kupferlegierungen für große italienische Bronzestatuen im Mittelalter und in der
Renaissance.
Es steht also derzeit 5 zu 4 zu Ungunsten des derzeitigen Venus Besitzers. Dies könnte sich aber
nach dem kürzlich erfolgten "Ritterschlag" durch den Direktor der Uffizien schlagartig ändern,
denn die dortige Ausstellung der Bronze stellt zweifelslos eine wertsteigernde «Adelung» dar.
Eine diesbezügliche Kritik in einer österr. Tageszeitung bekämpfte der Besitzer per Rechtsanwalt.
In ihrer Rezension von Rudigiers Buch stellte D. Diemer trocken fest: "In short, the book offers no
substantial new evidence in support of Rudigiers arguments. The discussion now needs to be
taken up by independent experts, who may well have more to offer than this sumptuous
book" (The Burlington Magazine March 2020). Devastating, isn’t it?.
Aber, gibt es überhaupt solche Experten? Möglich, aber vielleicht überflüssig, denn es muss
dem Besitzer der Bronze nur gelingen unbedarfte Kunstsammler mit dicker Brieftasche zu einem
Hahnenkampf der Ego zusammenzuführen, so wie es bei der Versteigerung von Leonardos
Salvator Mundi geschah, wo sich zwei Kronprinzen aus dem Nahen Osten trotz unsicherer
Zuschreibung auf stolze 450 Millionen $ hochlizitierten. Inshallah. KY 12/2019
Venus Bronze, Uffizien Palazzo Pitt 2019
Leonardo-Salvtor Mundi
Remarks on the age of the bronze Venus on display at
the Pitti Palace in Florence
A privatly owned bronze Venus is currently on display at the Pitti Palace in Florence. The
sculpture was discovered some 30 years ago at a Paris scrap merchant and has raised
debate ever since concerning its date of fabrication and artists attribution. According to a
brochure written by one of its current owners (1) thermoluminescence (TL) data of the
casting core left inside the bronze indicate a 16th century fabrication date, while excluding
a 17th century date, thus supporting an attribution to Giambologna (1529-1608).
The aim of the following remarks is to point out that a reliable fabrication date of the
bronze cannot be derived from the TL-data presented, and that the attribution of the
bronze to Giambologna based on these data is highly speculative. For a person skilled in
the art, the TL-data have two major shortcomings:
1- Errors are underestimated: according to the scientific report (2, thereafter "report")
attached to the owners brochure, two TL-measurements have been performed, one in
1996 by the Rathgen Forschungslabor Berlin, and another in 2008 by Oxford Authentication
Ltd. The 1996 measurement suggested a fabrication year around 1582 with an error of plus
or minus 22 years (67% probability), while the 2008 measurement suggested a fabrication
date anywhere between the years 1308-1608 (without error and probability indications).
For a person skilled in the art, these dates are unreliable for the following reasons:
The error of ± 22 years attributed to the 1582 date of the first TL-measurement is greatly
underestimated. According to the report (2) it was calculated under the assumption that the
observed spread of measurements was due to random errors only and followed a normal
distribution. This assumption is not justified. TL-age measurements almost never follow a
normal distribution, while random errors constitute only a fraction of their total error. TL-
measurements are usually dominated by systematic errors intrinsic to the TL-dating technique
itself, such as those originating from the unknown history of radioactive force acting on the
artifact, a possibly incomplete heating of the object during fabrication, an accidental exposure
to X-ray radiation altering the stored dose, an unsuitable sampling location for the TL-
measurements, and other factors summarized by a person which was affiliated with the
commissioner of the first TL-measurement of the bronze Venus (3). While these errors can
rarely be quantified in a straight forward manner, they are generally considered to amount
typically to ± 20% of the TL-age (3). By comparison, the ± 5% error claimed for the TL-age (414
± 19 years) of the present bronze is smaller by a factor of four. The question concerning this
unusually high accuracy has not been adequatly adressed in the report.
As to the second TL-measurement, the report contains no indication as to how its errors
were estimated. Thus, a person skilled in the art may choose between two alternatives.
Either the range of production dates given (1308-1608) refers to the limits of a 67% (one-
sigma) probability of a normal distribution as for the first TL-age measurement, or it
represents the maximum possible errors as estimated by the authors. Neither one of these
alternatives has been discussed in the report. Thus, from a scientific point of view, the
range of production dates claimed is of very limited value.
Considering these inconsistencies, and given the lack of information on how the error of the
second TL-measurement has been estimated, a person skilled in the art cannot exclude a
production date of the bronze in the late 17th century.
2- Lack of data: Appendix IV of the owners brochure lacks crucial details. Apart from the error
estimates for the second TL-measurement, it contains neither TL-curves, nor a signed
document of Oxford Authentication Ltd. allowing their results to be checked independently.
Without such a document, their TL-age estimation must be believed on a bona-fide basis. The
report also remains silent about the exact location from where the sample of the second TL-
measurement has been taken. Normally, this location is indicated in a drawing and included -
together with other details and the name of the experimentalist - in the reports. Finally, the
time at which the bronze underwent artificial irradiation (X-ray radiography at the
Rijksmuseum Amsterdam, X-ray CT at the Frauenhofer Institut in Fürth) is not indicated in the
report (see Table 2). This omission may have serious consequences, because if such
irradiations had been performed before the TL-measurements, they would tend to artificially
increase the TL-age, i.e. simulate an older fabrication year of the bronze. An indication that
such an irradiation might have taken place before the second TL-measurement comes from
the shift of possible production dates towards older TL-dates as compared to those of the first
TL-measurement, including years as early as 1308. In this regard the absence of TL-curves in
the report must be deplored because their behavior allows a person skilled in the art to
determine if such an irradiation had indeed occured.
Altogether, the lack of data in the report does not allow a person skilled in the art to dismiss
the possiblity of an artificial irradiation before the date of the second TL- measurement (2008),
and thus to exclude a false TL-age.
In conclusion, given the absence of correct error estimates for the TL-age, and
considering a general lack of data, the claimed 16th century fabrication date of the
bronze Venus is highly uncertain, and thus its attribution to Giambologna speculative.
Literature:
1- AlexanderRudigierandBlanca Truyols: "GIAMBOLOGNA Court Sculptor to Ferdinando I,
his art, his style and the medici gifts to henri iv", 376 pp. 600 col. ills. Revised Edition (AD
ILISSVM, London, 2019)
2-Ernst Pernicka: Analysis Report, Appendix IV in ref. (1)
3- Jane Basset: Thermoluminescence dating for European sculpture: A consumers guide;
American Institute for Conservation of Historic & Artistic Works (AIC). AIC Objects Specialty
Group Postprints, Volume 14, 2007 Pages: 32-46
Brussels, 31 Dec. 2019 BANS/KY-Authentication
Anhang 1
"In short, the book offers no substantial new evidence in support of Rudigiers arguments. The discussion
now needs to be taken up by independent experts, who may well have more to offer than this sumptuous
book" (The Burlington Magazine March 2020)
https://www.burlington.org.uk/archive/free-content#reviews
Anhang 2