Nowotny Brief
Als mich Professor Nowotny Anfang 1967 zu einer Konferenz nach Sèvres bei Paris schickte um
an seiner statt einen Vortrag samt Publikation zu halten, zeichnete sich das Ende meiner Diss
ab. Mein Vater erbat für mich - ohne mir was zu sagen - einige freie Tage in Paris, die ich
schamlos ausnützte. Paris alleine auf Institutskosten war nicht jedem gegeben.
Ich besuchte also nicht das Musée National de Céramique in Sèvres, sondern den Louvre, und
zwar nicht wegen der Mona Lisa alias Joconde, die war mir zu fad. Jean-Honoré Fragonards Le
verrou war interessanter. Bei dem offensichtlich erotischen Motif fragte ich mich: stimmt die
dürftig bekleidete Demoiselle den Avancen des Jünglings in Unterwäsche zu (est-elle
consentente?) oder handelt es sich um eine vulgäre Vergewaltigung? Frage eines 23-jährigen.
Ja, da waren auch zwei andere Werke, nämlich das großformatige Gemälde Watteaus mit dem
lebensgroßen Pierrot in weisser Kluft, und Mantegnas Madonna Vittoria mit dem kuriosen
Detail eines in Australien lebenden Gelbwangenkakadus, das Napoleon in Mantua klaute.
Andere Werke begegnete ich bei späteren Besuchen auf die ich noch zurück kommen werde,
wie Georges de la Tours Le tricheur, Watteaus Jupiter und Antiope, und Davids Marat
Den geheimen Brief an Professor Nowotny verzeihe ich meinem Vater, dass er mir aber seine
Erfahrungen als französischer Rekrut in Paris vorenthielt, weniger.
Fragonard
Watteau
Mantegna
Hans Nowotny
1967
Sèvres
Watteau Jupiter und Antiope David Marat
Georges de la Tour Le tricheur