Dazu nennt der Kunsthistoriker Rudolf Preimesberger zwei
mögliche Gründe: zum einen könnte Michelangelo seine
Hoffnung verschlüsselt haben, so wie Bartholomäus „an der
allgemeinen Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag mit der
Auferstehung des eigenen Fleisches teilzuhaben“ (Preimesberger
2005, S. 52). Zum anderen könnte Michelangelo "die Verletztheit
des Torso zum Ausdruck bringen, die er mit Bartholomäus teilt“
(Preimesberger 2006, S. 106/107). Nicht beantwortet er aber die
Frage, warum sich Michelangelo verletzt fühlte.
Dazu wäre zu sagen dass das "Jüngste Gericht" Anlass für einen
heftigen Streit zwischen Michelangelo und Kardinal Carafa war,
der die Darstellung von Geschlechtsteilen als amoralisch und
obszön bezeichnete. Dies könnte M. nicht nur amüsiert sondern
auch verletzt haben. Tatsächlich verabschiedete Papst Paul IV.
kurz vor dem Tod des Künstlers (1564) einen Erlass der die
Übermalungen von als unsittlich empfundenen Ausschnitten
vorsah. Hiermit beauftragt wurde Michelangelos Schüler Daniele
da Volterra, was diesem den Spottnamen Braghettone
(„Hosenmaler“) eintrug. Die meisten der ehemals Entblößten
sind auch nach der Restaurierung (1980-1994) schamhaft
verhüllt geblieben, auch der Träger von Michelangelos "Selfie".
Humor hat seine Grenzen.