Michelangelo - Jüngstes Gericht
ein unerwartetes Selfie
Die Sixtinische Kapelle in Rom enthält zwei bedeutende
Kunstwerke, das Deckenfresko mit der "Genesis", und
das Altarfresko mit dem "Jüngsten Gericht", beide von
Michelangelo. Das Deckenfresko malte der 35-jährige
zunächst nur widerwillig im Auftrag von Papst Julius II.
zwischen 1508 und 1512. Es bedeckt über 200 m² und
umfasst ca. 390 Figuren, viele davon überlebensgroß.
Ihre Ausführung war nicht ganz im Sinne des Papstes,
der Michelangelo zuvor freie Hand gegeben hatte, denn
sie priesen nicht die "Kirche“ (sprich ihn), sondern
mahnten sie, insbesondere den machtbewussten Papst
und seine ungeistlichen Kardinäle. Nicht zu Unrecht,
denn Luther schlug nur einige Jahre später (1517) seine
Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.
Sixtinische Kapelle von aussen
Das Fresko an der Stirnwand der Kapelle mit dem Jüngsten
Gericht malte Michelangelo als 60-Jähriger, also 25 Jahre später,
wiederum unwillig, diesmal im Auftrag von Papst Clemens VII.
und dann von Paul III. zwischen 1536 und 1541. Es bedeckt 180
m² und umfasst - neben dem zornigen Gottessohn - an die 400
weitgehend nackte Figuren. Eine davon erweckt besonderes
Interesse: Michelangelos Selbstportrait. Es erscheint auf der Haut
des Bartholomäus.
Bartholomäus war einer der 12 Apostel der der Legende nach
sein Martyrium durch Enthäuten erlitt und anschliessend
kopfunter gekreuzigt wurde. Auf dem Bild Michelangelos
umklammert er mit der rechten Hand das Messer, mit dem man
ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hatte, und mit
seiner Linken hält er seine Haut. Grauslich eigentlich.
Wenn man jedoch das von seinem Malerkollegen Fra
Bartolommeo angefertigte Porträt Michelangelos betrachtet,
kann man sagen, dass sich der Meister selbst gut getroffen hat.
Warum er aber die leere Haut in der Hand des Apostels mit
seinem eigenen Antlitz versehen hat, und sich mit der wenig
sympatischen aber auch in der Neuzeit noch durchaus üblichen
Hinrichtungsmethode identifiziert hat, ist rätselhaft.
Dazu nennt der Kunsthistoriker Rudolf Preimesberger zwei
mögliche Gründe: zum einen könnte Michelangelo seine
Hoffnung verschlüsselt haben, so wie Bartholomäus „an der
allgemeinen Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag mit der
Auferstehung des eigenen Fleisches teilzuhaben“ (Preimesberger
2005, S. 52). Zum anderen könnte Michelangelo "die Verletztheit
des Torso zum Ausdruck bringen, die er mit Bartholomäus teilt
(Preimesberger 2006, S. 106/107). Nicht beantwortet er aber die
Frage, warum sich Michelangelo verletzt fühlte.
Dazu wäre zu sagen dass das "Jüngste Gericht" Anlass für einen
heftigen Streit zwischen Michelangelo und Kardinal Carafa war,
der die Darstellung von Geschlechtsteilen als amoralisch und
obszön bezeichnete. Dies könnte M. nicht nur amüsiert sondern
auch verletzt haben. Tatsächlich verabschiedete Papst Paul IV.
kurz vor dem Tod des Künstlers (1564) einen Erlass der die
Übermalungen von als unsittlich empfundenen Ausschnitten
vorsah. Hiermit beauftragt wurde Michelangelos Schüler Daniele
da Volterra, was diesem den Spottnamen Braghettone
(„Hosenmaler“) eintrug. Die meisten der ehemals Entblößten
sind auch nach der Restaurierung (1980-1994) schamhaft
verhüllt geblieben, auch der Träger von Michelangelos "Selfie".
Humor hat seine Grenzen.