Gustav Klimt - Die Fakultätsbilder
Die ungeliebten Bilder die es doch noch schafften
Von den vier Fakultätsbildern, die Gustav Klimt und Franz Matsch 1894
in Auftrag gegeben wurden, malte Klimt drei. Es sind dies allegorische
Darstellungen der klassischen Fakultäten "Philosophie", "Medizin" und
"Jurisprudenz". Matsch übernahm die "Theologie". Sie waren für das
Deckengemälde der "Aula Magna" (heute Großer Festsaal) der Alma
Mater Rudolfina bestimmt, sollten aber dort nie zu sehen sein. Der
Grund war Klimts Kunstauffassung und seine Vorstellung von
künstlerischer Freiheit.
Als Klimt 1900 seine "Philosophie" in der Secession vorstellte, schlug
ihm heftige Kritik entgegen. Entgegen aller Absprachen zeigte er keine
Allegorie im traditionellen Sinn, sondern ein symbolistisches Gemlde
mit naturalistisch dargestellten nackten Figuren, das der damaligen
Fortschrittsglubigkeit eine pessimistische Sicht auf die Wissenschaft
entgegen hielt. Damit lste er heftige Auseinandersetzungen zwischen
seinen Frderern und Kritikern aus. Es kam zu einem Kunstskandal, der
in unzhligen Pressenotizen seinen Niederschlag fand.
Philosophie
Nicht weniger als 87 Mitglieder des Professorenkollegiums wandten
sich in einer Petition an das Unterrichtsministerium und sprachen sich
gegen die Anbringung des Bildes in der Aula Magna aus. Auch unter
Personen des kulturellen Lebens entbrannten heftige Diskussionen
ber Klimts Kunstauffassung. Dabei ging es nicht nur um die Stellung
der universitären Wissenschaft in der Gesellschaft, sondern auch um
den Sinn und Zweck staatlicher Kunstförderung sowie die dadurch
mögliche Einflussnahme auf die künstlerische und sittliche Freiheit.
Ironischerweise erhielt Klimt für dasselbe Bild im selben Jahr auf der
Weltausstellung 1900 in Paris nicht nur eine gnstige Aufnahme in
der franzsischen Presse, sondern auch die Goldmedaille. Derart
bestätigt, machte er sich daran das zweite Fakultätsbild
fertigzustellen.
Als er die »Medizin« 1901 der Öffentlichkeit vorstellte, war der
Aufschrei noch größer als bei der »Philosophie«. Klimt verzichtete
vollkommen darauf, die heilende Kraft der Medizin darzustellen, und
zeigte stattdessen nackte, von Krankheiten gezeichnete Menschen
und mittendrin den unvermeidlichen Tod. Weil diesmal auch mehrere
Politiker aufgebracht waren, wurde Klimt sogar zum Thema im
österreichischen Abgeordnetenhaus. Der Künstler sah sich in der
Folge dazu bemüßigt, sich in der »Wiener Morgenzeitung« selbst zu
Wort zu melden. In seinem Text schrieb er, dass er »keine Zeit habe«,
sich »in dieses Gezänke einzumengen«.
Medizin
Es sei ihm »schon zu dumm, immer und immer wieder gegen
dieselben starrköpfigen Leute aufzutreten«. Und außerdem, so Klimt,
»entscheidet nicht, wie vielen es gefällt, sondern wem es gefällt«. Und
er selbst sei »zufrieden«. Starke Worte.
Nicht verwunderlich dass es Klimt mit seiner »Jurisprudenz« ähnlich
ging. Sie erblickte 1903 das Licht der Öffentlichkeit. Wieder hatte er
sich nicht an seine ursprünglichen Entwürfe gehalten diesmal
wahrscheinlich als Protest gegen den bisherigen Gegenwind , und
wieder stieß sein Werk auf Ablehnung. Bei der Darstellung der
Rechtswissenschaft zeigte er vor allem deren negative Seite: einen
Verbrecher, der auf seine Bestrafung durch drei Rachegöttinnen und
einen überdimensionalen Tintenfisch wartet. Und das alles verziehrt
mit vielen Nackedeis. Das Bild machte Klimt in den Augen seiner
Kritiker endgültig zum Darsteller von Pornografie und Perversion.
Bei einer gemeinsamen Ausstellung aller vier Bilder zeigte sich ein
weiteres Problem: Die Arbeiten von Klimt und Matsch passten
stilistisch überhaupt nicht zusammen. Nachdem die Universität nur
das Bild von Matsch aufhängte, nicht aber seine, und er noch
zusätzlich durch ein Verbot die Bilder in den USA auszustellen
"bestraft wurde", war seine Geduld am Ende. Anfang 1905 zog er sich
vom Auftrag zurück und stattete das bereits bezahlte Honorar von
30.000 Kronen (heute ca. 170.000 Euro) mit Unterstützung seines
Mäzens August Lederer zurück.
Jurisprudenz
Matsch-Theologie
Lederer erhielt im Gegenzug die Philosophie, und kaufte bald danach
auch die »Jurisprudenz«, während die »Medizin« von der
Österreichischen Galerie erworben wurde. Klimt nahm bis zu seinem
Tod keine öffentlichen Aufträge mehr an, sondern nur noch welche
von Privatpersonen. Eine Genugtuung hatte er aber noch: als Reaktion
auf die Kritik dreht er den Spiess um, indem er eines seiner frivolsten
Gemälde seinen Kritikern widmet, die Goldfische.
Von Klimts Fakultätsbildern existieren heute nur noch Entwürfe und
Schwarzweiß-Fotografien der Originale. Die Bilder Lederers waren
über NS-Enteignung wieder in Staatsbesitz gekommen und
verbrannten zusammen mit dem Bild der Österreichischen Galerie
1945 im Schloss Immendorf nur wenige Stunden vor Kriegsende.
Von allen Fakultätsbildern, inklusive der Theologie von Matsch,
wurden 2005 Reproduktionen angefertigt und vom Wiener Leopold
Museum in die historische Substanz des Deckengemäldes im Festsaal
eingefügt. Nach einer aufwändigen Sanierung des Festsaals 2019
können sie wieder bewundert werden. So haben sie es also doch noch
über Umwege an ihren Platz geschafft.
Schloss Immendorf