Albrecht Dürer Rhinocerus
Die Legende vom Dürerhörnchen
Panzernashorn = Rhinoceros
unicornis = rhinocéros indien
Auch Nashörner sind dankbare Kunstobjekte. Ihr Erstauftritt
erfolgte vor ca 30 000 Jahren (Jungpaläolithikum) auf den
Wänden von Höhlen wie in Chauvet. Dabei handelte es sich um
die mittlerweile ausgestorbene Art der Wollnashörner
(Coelodonta antiquitatis). Textilfreie jüngere Exemplare der Art
Rhinoceros unicornis (Panzernashorn, rhinocéros indien), also mit
einem einzigen Horn, findet man auf Bodenmosaiken der
konstantinischen Ära in Sizilien, etwa in der spätrömischen Villa
urbana in der Nähe der Stadt Piazza Armerina (Sizilienreise
2012). Dann wurde es ruhig um die Dickhäuter, zumindest in
Europa. Erst zu Dürers Zeiten gab es wieder Nashorn-Alarm.
Anlass war ein Geschenk von Manuel II an Papst Leo X.
Wiederum war es ein Rhinoceros unicornis. Leider ersoff das
arme Tier während eines Schiffbruchs bei der Überfahrt nach
Rom, sodass Leo X nur die ausgestopfte Haut bekam.
Grotte de Chauvet
Bodenmosaik Villa urbana
Piazza Armerina
Villa Trigona
Sizilienreise 2012
Kein Wunder dass Dürer auf das Tier aufmerksam wurde. Da er es aber nicht
selbst in Augenschein nehmen konnte, orientierte er sich an schriftlichen
Quellen. Das Ergebnis war durchaus sehenswert. Sein legendärer Holzschnitt
"Rhinocerus" (1515) wies zwar einige anatomische Fehler auf, brachte es aber zu
grosser Berühmtheit. Abzüge sieht man heute im British Museum, in der
National Gallery of Art und im Städelmuseum. Erst kürzlich (2013) gelangte bei
Christie's in New York ein Erstabzug zur Versteigerung und erzielte stattliche
866.500 Dollar, bis heute der Auktionsweltrekord für ein Werk Dürers.
Zur Anatomie von Dürers Rhino. Einerseits ist sie verblüffend naturnah, wenn
man bedenkt, dass Dürer das Tier selbst nie zu Gesicht bekam, andererseits
hapert es aber an der Haut. Sie wurde fälschlicherweise wie eine gepanzerte
Rüstung dargestellt, und an den Beinen gar wie ein Kettenhemd. Der beigefügte
Text assoziiert sie sogar mit einem Schildkrötenpanzer, was vermutlich dazu
beitrug, dass diese Tierart in die deutsche Literatur als "Panzernashorn" einging.
Das auffälligste Detail des Holzschnitts ist jedoch das zwischen den
Schulterblättern angesetzte kleine Horn, das sogenannte "Dürer-Hörnlein".
Dieses zweite Horn ist anatomisch völlig überflüssig, hat es aber gerade
deswegen zu Ruhm gebracht. Beweis: Rhinos wurden seit Dürers Zeiten im
Abendland vorwiegend mit diesem Hörnlein abgebildet. Dazu nur ein Beispiel:
"Dürer-Hörnlein"
Dürer - "Rhinocerus" (1515)
Der Deckelpokal mit Aufsatz aus Rhinozeroshorn (um 1650), zugeschrieben an
Georg Pfründt (KHM Wien). Das Hörnchen ist unübersehbar. Dass Dürers Ruhm
zu dieser Zeit örtlich begrenzt war, zeigt eine Weltkarte von 1674 aus China.
Man entdeckt darauf ein Rhino in der Antarktis .... ohne erkenntliches
Hörnchen, das zusammen mit anderen exotischen Tieren vor sich hinfriert. Wie
es in diese unwirtliche Gegend gelangte, ist ein Rätsel.
In Europa brachte erst im 18. Jhdt ein Rhino-Weibchen namens Clara die
Wende. Es kam 1741 aus Afrika nach Rotterdam und tourte einige Jahre durch
den Kontinent, bis es 1758 in London verstarb. Es wurde auf zahlreichen
Gemälden verewigt, etwa von Jean-Baptiste Oudry im Jahre 1749, und stand
Ende der 1740er-Jahre für Meißener Porzellan Modell. Ein anderes Exemplar
ging auf einem Gemälde von George Stubbs (1792) in die Geschichte ein. All
diese hörnchenlosen Kunstwerke lösten das bis dahin von Dürer geprägte
Rhino-Bild ab.
Dürers Nashorn mit dem Hörnchen verschwand aber nicht ganz von der
Bildfläche. Man findet es etwa auf zwei ins 19. Jahrhundert datierten Paneelen
aus Scagliola (Stuckmarmor), die 2012 bei Sotheby's für 18.750 Pfund den
Besitzer wechselten.
Auch im 20 Jhdt. gab es zahlreiche Bewunderer von Dürers Nashorn. Der Art-
Brut Maler Gaston Dufour etwa verbrachte 6 Jahre seines Lebens nur um
Rhinos zu malen. Hörnchen sind keine erkennbar. Hingegen trägt Salvadore
Dalís 3.6 to schweres Rhino in Marbella (Andalusienreise 2010) stolz und
unübersehbar das Dürerhörnchen. Dali 1956 (Marbella)
Georg Pfründt KHM Wien Weltkarte 1674
Oudry - Clara 1749 Stubbs - Rhinoceros 1792
Paneel 19 Jhdt.
Ronda 2010)
Gaston Dufour 1950-56
Auch Niki de Saint Phalle war eine Liebhaberin von Dürer. Ihre farbenreichen
Rhinoceros-Kreaktionen (1995) schafften es sogar bis auf Kaffeetassen. Sie
konnte sich das Hörnchen nicht verkneifen.
Conclusio: Künstler kopieren gerne skurille Details, auch wenn sich diese als
falsch erweisen. Bleibt zu eruieren wie Dürer zu seinem Hörnchen kam. Meine
bescheidene Meinung dazu: es handelt sich um einen Vogel der auf dem
Rücken des Rhinos sass, und zwar um den Madenhacker (Buphagus). Der lebt
oft in Symbiose mit Grosswild, reinigt dieses gerne von Parasiten und schlagen
bei Gefahr (etwa Wilderer) Alarm.
Und noch eine Bemerkung zum Hörnchen: Bekanntlich wurden Rhinoceros
Hörner zeitweise mit Gold aufgewogen, was zum Aussterben ganzer
Unterarten führte, wie etwa dem Nördlichen Breitmaulnashorn
(Ceratotherium simum). Von diesem gibt es nur mehr 2 Weibchen im
kenianischen Schutzgebiet Ol Peteja. Um diese Unterart zu retten, wird derzeit
(2019) im Rahmen des „BioRescueProgramms versucht durch in-vitro-
Fertilisation mit Sperma von gestorbenen Bullen Embryos in die Gebärmutter
von artverwandten Südlichen Breitmaulnashornern einzusetzen. Letztere
überleben - derzeit noch - in Nationalparks von Namibia und Südafrika. Man
wartet gespannt auf den Ausgang des Experiments, und - warum nicht - auf
dessen künstlerische Aufarbeitung, so wie Klimt es mit den Blastocysten seiner
Danaë tat. KY Aug. 2019 Breitmaulnashorn
Panzernashorn mit Madenhacker
Niki de Saint Phalle 1995
Klimt-Danae
Rhino