Edvard Munch - Der Schrei
Die Legende vom Ausbruch des Krakatau, und andere Eigentümlichkeiten
Nur wenige Gemälde haben eine derartig turbulete Geschichte
hinter sich: Diebstahl, Beschädigung, Spaltung, Pigmentalterung,
Erbstreit, Vorwurf von Raubkunst, es fehlt nicht an Literatur und
Legenden. Bei einem Werk, das für Oslo die gleiche Bedeutung
hat wie die Mona Lisa für Paris, und bei einem Wert von über 100
Millionen $ eigentlich nicht verwunderlich. Aber der Reihe nach:
Das Gemälde, früher "Liebe und Schmerz" genannt, zeigt einen
angsterfüllt blickenden Menschen auf einer Brücke, überdacht von
roten Wolken. Vom Bild existieren vier Fassungen (Tempera,
Pastell, Öl) aus den Jahren 1893 bis 1910, drei sind in Osloer
Museen, und eine in Privatbesitz (USA). Die Details, die uns hier
interessieren sind farblicher Natur. Was ist der Grund für die
ungewöhnlich rote Farbe der Wolken? Woher kommen die
weißen Flecken auf der 1893er Version in der Norwegischen
Nationalgalerie Oslo? Was ist der Grund für das langsame
Verblassen der gelben Farbtöne in den Gemälden?
1895
Privatbesitz 1
1910
Munch-Museum Oslo
1893
Norwegische
Nationalgalerie Oslo
1893? (neu 1910)
Munch-Museum Oslo
Zur Farbe der Wolken gibt es zahlreiche
Erklärungsversuche. Die populärste ist die Hypothese
von Aschewolken nach einer Eruption des Krakatau.
Das erscheint zwar logisch, ist aber nicht zwingend,
denn der Krakatau Ausbruch ereignete sich schon
1883, d.h. 10 Jahre vor der Entstehung von Munchs
Gemälde. Munchs Ausspruch «Plötzlich (?) wurde der
Himmel rot wie Blut (ref?)» bzw. "die Sonne ging
unter, die Wolken färbten sich rot wie Blut. Ich fühlte,
wie ein Schrei durch die Natur ging (....). Ich malte
dieses Bild, malte die Wolken als wirkliches Blut."ref
OK???) passt besser zur Bildung von Perlmuttwolken
(nuages nacrés, mother-of-pearl or "nacreous"
clouds) in sehr grosser Höhe (>20 km) bei sehr kalten
Temperaturen (<-70°C) wie sie in Norwegen nicht
unüblich sind. Das wär‘s dann mit der Legende.
Oder aber, es ist ganz einfach die gerade
untergegangene Sonne die die Wolken von unten
beleuchtet, wie eine zeitgenössische Photographie
von „down-underzeigt, oder der aufgehenden
Sonne über der Nordsee.
Stahl-Bronze-Skulptur vor Newbiggin-
by-the-Sea in Nordengland
Zu den weißen Flecken: ihre Entdeckung war Anlass zu
wilden Spekulationen, bis Röntgenuntersuchungen an
PETRA III (DESY) in Hamburg das Rätsel lösten. Es handelt
sich weder um weiße Farbe noch um so eine beliebte
Hypothese Vogelkot, sondern um Wachs das vermutlich
aus Versehen von einer Kerze in Munchs Atelier auf das Bild
tropfte. Exit eine andere Legende.
Zum Verblassen der gelben Farbe: sie ist keine Legende,
sondern ist eine Folge des Alterungsprozesses eines
Farbpigments, genauer gesagt von Cadmiumgelb,
vermutlich durch den Einfluss von Sonnenlicht,
Feuchtigkeit, Farbadditiven u.a. Bekannt waren solche
Farbänderungen schon auf Van Goghs Gemälden, in denen
Gelbtöne mit der Zeit bräunlich wurden (Sonnenblumen,
Zimmer in Arles u.a.). Die dort verwendeten Gelb-Pigmente
enthalten das giftige Chromgelb, das sich durch eine Licht-
induzierten Reduktion von Chrom(VI) zu Chrom(III)
umwandelt. Beim Pigment in Munchs Schrei handelt es sich
jedoch um gelbes Cadmiumsulfid, das durch Oxydation an
der Luft zu weißem Cadmiumsulfat oxydiert. Diese
Hypothese wird derzeit am Grenobler ESRF an winzigen
Proben (100 Mikrometer) des Gemäldes überprüft, mit
dem Ziel dem Alterungsprozess auf die Schliche zu
kommen, und ihn eventuell zu stoppen oder wenigstens zu
verlangsamen. Kunst begegnet Wissenschaft.