Zu den weißen Flecken: ihre Entdeckung war Anlass zu
wilden Spekulationen, bis Röntgenuntersuchungen an
PETRA III (DESY) in Hamburg das Rätsel lösten. Es handelt
sich weder um weiße Farbe noch um –so eine beliebte
Hypothese –Vogelkot, sondern um Wachs das vermutlich
aus Versehen von einer Kerze in Munchs Atelier auf das Bild
tropfte. Exit eine andere Legende.
Zum Verblassen der gelben Farbe: sie ist keine Legende,
sondern ist eine Folge des Alterungsprozesses eines
Farbpigments, genauer gesagt von Cadmiumgelb,
vermutlich durch den Einfluss von Sonnenlicht,
Feuchtigkeit, Farbadditiven u.a. Bekannt waren solche
Farbänderungen schon auf Van Goghs Gemälden, in denen
Gelbtöne mit der Zeit bräunlich wurden (Sonnenblumen,
Zimmer in Arles u.a.). Die dort verwendeten Gelb-Pigmente
enthalten das giftige Chromgelb, das sich durch eine Licht-
induzierten Reduktion von Chrom(VI) zu Chrom(III)
umwandelt. Beim Pigment in Munchs Schrei handelt es sich
jedoch um gelbes Cadmiumsulfid, das durch Oxydation an
der Luft zu weißem Cadmiumsulfat oxydiert. Diese
Hypothese wird derzeit am Grenobler ESRF an winzigen
Proben (100 Mikrometer) des Gemäldes überprüft, mit
dem Ziel dem Alterungsprozess auf die Schliche zu
kommen, und ihn eventuell zu stoppen oder wenigstens zu
verlangsamen. Kunst begegnet Wissenschaft.