J. Ph. Hackert Die Zerstörung der türkischen
Flotte in der Schlacht von Tschesme
Gelungene Inszenierung einer Seeschlacht
Für einen Historienmaler ist so eine Seeschlacht ein gefundenes Fressen,
vor allem wenn es rund geht wie damals bei Tschesme (1770). Russlands
Katharina II. führte Krieg (1768 -1774) gegen das osmanische Reich. An
Landsiege hatte sie sich bereits gewöhnt, doch nun galt es die Türken auch
zur See zu schlagen. Ihre Flotte war aufgerüstet, sie hatte sie in eine
ansehnliche Streitmacht verwandelt. Russlands traditioneller Meeres-
Kriegsschauplatz war die Ostsee, doch als sich der türkische Krieg hinzog,
fasste sie einen tollkühnen Plan: Sie schickte die Schiffe aus der Ostsee
über Westeuropa durch den Ärmelkanal und die Strasse von Gibraltar bis
ins östliche Mittelmeer. Mit dem Oberkommando betraute sie niemand
anderes als Alexej Orlow, Bruder ihres Liebhabers Grigori, und Mörder
ihres Ehemanns Peter III.
Am 7. Juli 1770 überraschten die Russen die Osmanische Flotte in der
geschützen Bucht von Tschesme (Çeşme, direkt vor der griechischen Insel
Chios). Die Schiffe lagen vor Anker, aber nicht lange. In einem fulminanten
Großangriff vernichtete Orlow die zahlenmässig und feuermässig weit
überlegene osmanische Ägäis-Flotte in einer zweitägigen Schacht. Den
Explosionen entkam nur ein einziges Schiff. Dabei fielen 9000 Türken, auf
russischer Seite waren es nur 30. Was für ein Massaker !
Krieg
Katharina II.
Verständlich dass Katharina II. und ihr siegreicher Admiral ein bildliches
Andenken an die Schlacht haben wollten. Dazu beauftragten sie 1772 den in
Italien (Neapel) lebenden deutschen Künstler Jakob Philipp Hackert einige
Gemälde anzufertigen. Das Problem war nur dass Hackert noch nie eine
Schiffsexplosion gesehen hatte. Ohne eine solche wäre das Bild zu
unansehnlich geworden. Orlow liess daher eigens für Hackert ein altes Schiff
im Hafen von Livorno hochgehen, das die friedliche toskanische Hafenstadt
zum Zittern brachte. J. W. Goethe, mit dem Hackert in Italien bekannt wurde,
bezeichnete die gesprengte Fregatte voller Bewunderung als „zuverlässig das
teuerste und kostbarste Modell, was je einem Künstler gedient hat.“
Hackerts Gemälde waren ein großer Erfolg. Unter den zig Varianten ist das
bekannteste heute im Bestand der St Petersburger Hermitage. Das Schicksal,
bei Schlacht selbst nicht vor Ort gewesen zu sein, teilte Hackert mit einem
anderen Maler, Anton Romako. Dieser verewigte rund 40 Jahre später die
Seeschlacht von Lissa (1811), in der die österreichische Adria Flotte jene von
Italien besiegte. Er tat dies ebenfalls in einer Art und Weise, die an
gebotener Dramatik nichts zu wünschen übrigliess.
Das haben Historienbilder so an sich. Der Maler Robert Fuchs war bei seinem
Staatvertragsgemälde (1955) im Wiener Belvedere auch nicht vor Ort, und
musste künstlerisch das nachempfinden was sein politischer Auftraggeber
wollte.
Historienmalerei als Geschichtsfälschung, eine eigene Kunstgattung.
Romako Lissa
Fuchs Staatsvertrag