Albrecht Dürer-Feldhase
Oder war es eine Feldkatze ?
Dürers "Feldhase" sieht man so selten wie eine Mondfinsternis, zumindest im
Original. Der Grund: das Häschen ist lichtempfindlich. Nach Übereinkunft mit dem
Wiener Denkmalamt wird es nur alle fünf Jahre aus dem Keller der Wiener Albertina
geholt, und darf nur in einer speziellen Vitrine als Wien-Mitbringsel der Sissi und
Klimts "Kuss" Konkurrenz machen. Für ganze 7 Stunden. Dann ist die Hasenjagd zu
Ende und Häschen muss wieder zurück in den Keller. Oben in der Dauerausstellung
ist nur eine Kopie zu sehen. Zu Ostern auch in den umliegenden Feinkostläden.
Das Wappentier der Albertina wirft eine existenzielle Frage auf: hat ihm eine Katze
als Modell gesessen ? Die landläufige Begründung: ein schwer zähmbares Wildtier
wie der Feldhase wäre vor Dürer nicht still sitzen geblieben. Für Liebhaber von
Kindergeschichten ist diese Frage nicht abwegig, denn ein gewisser Till Eugenspiegel
(Erich Kästner) nähte eine lebende Katze in ein Hasenfell und verkaufte sie den
Kürschnern in Leipzig in einem Sack als lebendigen Hasen, daher der berühmte
Ausdruck Die Katze im Sack kaufen". Oder gab es damals dressierte Feldhasen?
Auch unkritisch verbreitet wären diese Thesen eine wundervolle Eulenspiegelei, die
nur humorlose Kunsthistoriker nach dem Wahrheitsgehalt fragen lässt.
FatCatArt
Man kann der Eulenspiegel-Frage auch ernsthafter nachgehen, indem man sich
z.B. das rechte Auge des Hopplers näher anschaut. Ab einer kritischen
Vergrösserung erlebt man eine Überraschung: im Auge spiegelt sich ein
Werkstattfenster. Also doch eine Katze ?
Conclusio: Dürer hat zumindest dieses Auge im Atelier gemalt. Ob das von
einem Hasen oder das einer Katze ist doch nebensächlich, oder?
Post scriptum: Hasen waren überhaupt beliebte Motive in der Kunstgeschichte,
angefangen von römischen Mosaiken in der Villa Romana bis zu chinesichen
Bronzeplastiken. Jener in Turners 'Rain, Steam, and Speed The Great Western
Railway' (1844) ist besonders ulkig, denn man sieht ihn nicht. Erst bei grosser
Auflösung wird man fündig: er läuft knapp vor der Lokomotive um sein Leben.
Ein Hase der es zu noch mehr Berühmtheit schaffte, ist der mit den
Bernsteinaugen. Im so betitelten Bestseller beschreibt Edmund De Waal wie er
als Teil einer Netsuke Sammlung die Plünderung des Ephrussi-Palais an der
Ringstrasse in Wien durch die Nazis 1938 überlebte.
Naja, wie es so schön het: jeder Jäger wird einmal ein Hase, früher oder
später, denn die Ewigkeit ist lang
Turner
Netsuke
China
Villa Romana
Hase
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