Alle wissen es. Die Normannen stammen von den Wikingern ab und sind
arge Haudegen. Im Mittelalter eigneten sie sich nicht nur Süditalien und
ganz Sizilien an, sondern auch England.
Selten auf friedliche Weise.
Bekannt wurden William der Eroberer, Herzog der Normandie, Roger II,
erster König von Sizilien, und Richard Löwenherz, Herzog der Normandie
und König von England.
Besonders letzterer liebte Kriegszüge mehr als Staatsgeschäfte. Bei seiner
Rückkehr vom III Kreuzzug wurde er in Wien vom Habsburger Leopold V.
gefangen genommen und in der Burg von Dürnstein (Wachau) solange
eingekerkert bis Richards Mutter Eleonore von Aquitanien genug Lösegeld
beisammen hatte. Dass der erzkatholische Leopold V. in der Folge vom
Papst wegen der Gefangennahme eines Kreuzfahrers exkommuniziert
wurde, versteht sich von selbst.
Wichtig nur, dass wir Yvons unter der Burgruine Dürnstein fast 800 Jahre
später beim “Thierry” im Hotel Löwenherz einige Familienfeste feierten.
Es gab aber auch friedlichere Normannen, wie etwa Gustave Flaubert
(“Madame Bovary)und Guy de Maupassant (“Un Normand”), oder solche
die in der Normandie geistige Inspiration fanden, wie etwa Marcel Proust
in Cabourg (“À la recherche du temps perdu”), und Blaise Pascal in Rouen,
wo dieser als 19-jähriger für seinen Vater (Steuereinnehmer) eine bsche,
bis dato unbekannte mechanische Rechenmaschine (“Pascaline”) erfand.
Wie wärs mit einigen Tagen in der Normandie?
Familienfeste
Pascaline
Haudegen
Schliesslich hat die Normandie auch Kulinarisches zu bieten, wie etwa die
drei „Cs“: Calvados, Camembert, Cidre, also nicht uninteressant für unsere
drei „CsCéline, Cédric und Candice, bei denen - so wie bei allen Yvons
ein bisschen Normannenblut in den Adern fließt.
Es ist also nicht abwegig die Orte unserer Namensgeber erkunden zu
wollen. Dazu stelle ich mich gerne für Auskünfte zur Verfügung. Stützen
kann ich mich dabei auf die noch immer unfertige Anthologie meiner Kunst-
Begegnungen, aus der ich hier auszugsweise zitiere. Interessierte können
sich auf den Karten nebenan orientieren.
Als eines der ersten Orte schlage ich Ste Gauburge vor. Dort wuchs mein
Großvater väterlicherseits Paul Yvon auf. Geboren wurde er in Nécy
nebenan, so wie seine Schwester Yvonne. Paul besann sich offenbar seiner
normanniscen Abstammung und wurde nicht Bäcker wie sein Vater Céleste,
oder wie sein Großvater Jacques Henri, oder wie sein Schwager Georges
Rebours, sondern Militär. Das sollte für ihn leider fatal werden.
Ste Gauburge ist der Herkunftsort von Pauls Mutter Constance. Sein Vater
Céleste stammt aus dem nahen Carrouges. Die dortige Attraktion neben
der Bäckerei - ist ein öffentlich zugängliches Wasserschloss mit Garten,
eines der größten der Normandie.
Ansonsten kennt die Chronik der Yvons keine dortigen Sehenswürdigkeiten,
ausser dem berühmten 25 km entfernten Pferdegestüt Le Haras National
du Pin. Dieses besteht seit Ludwig XV. Besucher sind willkommen. Auch zum
übernachten. Pferde liegen bei Yvons ja auch in den Genen.
Paul Yvon
Normandie
France
3 Cs
Yvon & Pferde
Bei der Fahrt zu diesen Orten sollte Rouen am Programm stehen.
Hauptstadt der Normandie, mit seiner imposanten Kathedrale, deren
gotische Fassade Maler in ihren Bann zog (Claude Monet, William Turner).
In ihr ruht angeblich Richard Löwenherz, aber nur sein Herz. Seine
Eingeweide und der Rest “ruhen” woanders, so wie den Habsburgern.
Sehenswert ist auch das Musée des Beaux Arts (MBA) mit einer Fassung
von Monets “Kathedrale von Rouen”. Er malte von diesen über 30 gezielt
bei verschiedenen Witterungen, diesmal in grau.
Apropos Monet. Falls die Fahrt über Paris geht, käme bei Schönwetter ein
Besuch seines Garten in Giverny in Frage. Vorsicht vor den Menschen.
Sehenswerte Gemälde im MBA sind auch der entzückende “Demokrit” von
Velasquez, und das berrührende Bild der Jeanne d’Arc von Paul Delaroche.
Das junge Hirtenmädchen wird gerade von einem düster dreinblickenden
Kardinal verhört. Sie sei eine Ketzerin, Abtrünnige und Gotteslästerin. Die
Anklage diente aber nur politischen Interessen der Engländer, die den
französischen König Karl VII. schwächen wollten. Das arme Mädchen
landete prompt auf dem Scheiterhaufen und wurde 1431 bei lebendigem
Leib auf der Place du Vieux Marché in Rouen verbrannt. Grässlich.
Eine Tafel erinnert daran, nicht aber dass Jeanne d’Arc 1920 von der
katholischen Kirche heilig gesprochen wurde. Diese Pharisäer.
Der Kardinal auf dem Gemälde erinnert übrigens an die grimmigen
Gesichter der Kardinäle im Gemälde aus Petzls Nachlass in Bernex. Dort
geht es vermutlich ebenfalls um die politische Vorherrschaft des Klerus.
Jeanne d’Arc
Monet
Turner
Velasquez
Giverny
Der italienische Dominikanermönch Girolamo Savonarola teilte etwas
später mit Jeanne d’Arc ein ähnliches Schicksal. Er wurde 1498 in Florenz
als Ketzer hingerichtet. Auch daran erinnert eine im Boden eingelassene
Tafel die wir sahen. Die damalige Situation war zwar etwas anders, aber die
katholische Kirche spielte wiederum eine widerliche Rolle. Papst Alexander
VI. und andere politische Gegner in Florenz verurteilten Savonarola, weil er
die Kirche scharf kritisierte, insbesondere die Korruption, den Luxus und
die Sittenlosigkeit der Geistlichkeit, von Papst Alexander VI angefangen.
Beide Exekutionen waren nicht religiös sondern politisch motiviert. Martin
Luther hatte kurz danach (1517) mehr Glück.
Bayeux sollte man bei einer Reise durch die Normandie nicht auslassen.
Genauer gesagt den dort ausgestellten 70 Meter langen, detailreich
gestickten Teppich. Dieser stellt in unzähligen Szenen das Leben im
Mittelalter und insbesondere die Schlacht von Hastings (1066) dar. “Game
of Thrones“ in echt, inklusive 93 Genital-darstellungen (oder sind es 94?
thats the question), und eine Beschreibung des Kometen Halley.
Die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer besiegten die Angelsachsen
und erreichten damit die Herrschaft über die britischen Inseln. Das musste
verewigt werden. Propaganda war schon damals wichtig.
Pikanterie am Rande: Der Teppich wurde wahrscheinlich von Stickerinnen
in England geschaffen. Man kann sich deren Gekicher beim sticken der
zahlreichen dicks” gut vorstellen.
Savonarola
Teppich”
Der Mont-Saint Michel darf auf der Rundreise auch nicht fehlen. Er ist
das meist besuchte Wahrzeichen der Normandie und kann trotz seiner
Insellage auch bei Hochwasser heute zu Fuss errreichbar ist.
Konzipert wurde der gothische Bau im XIIIe Jhdt. als Benediktinerabtei,
und 1415 kunstvoll dargestellt von den Brüdern Limburg im
Stundenbuch des Kunstmäzens Jean de Valois, Duc de Berry. Die Abtei
ist heute nicht mehr bewohnt. Der Mönchsorden verließ sie im Zuge
der Französischen Revolution um 1790, nicht aber die
Souvenirverkäufer.
Interessanterweise erscheint der Berg de Hl. Michaels bereits am
Teppich von Bayeux. In den Szenen 16/17 rettet König Harold
Godwinson von England einen Ritter des Herzogs Wilhelm I von England
aus dem Treibsand. Edle Geste eines Königs der kurz danach von
seinem Widersacher Wilhelm getötet wurde.
Zurück könnte es entlang der Küste des Ärmelkanals zu den
eindruckvollen Felsen von Etretat gehen. Das Naturschauspiel war
schon immer Ziel von Künstlern, darunter Monet (schon wieder), der
die Felsen an die 50 Mal malte. Heute werden die 80 Meter hohen
Kreidefelsen hauptsächlich von Touristen umlagert. Für ein Selfie
riskiert dort so mancher sein Leben. Jetzt darf er dies nicht mehr. Seit
kurzem gibt es sogar eine Geldstrafe für das Mitnehmen von
Kieselsteinen. Verständlich, sonst wäre der nicht schmale Strand nach
einer Saison unter Wasser. Bei diesen Besucherfluten.
Monet
Limburg
Teppich Bayeux
Ob man auf dem Weg nach Etretat bei den Pferden in Deauville halt
macht, ist Geschmacksache. Kinder sollten aber auf jeden Fall an der
Küste einen Sprung ins Wasser wagen, wie etwa an der 3.6 km
langen Promenade Marcel Proust in Cabourg. Sie sei noch länger als
die Promenade des Anglais in Nizza, meint das Touristenbüro.
Man könnte den Kindern auch einen Sprung an die Omaha beach
zumuten. Das dortige Memorial befindet sich am Strand von
Vierville-sur-Mer und besitzt originelle Stahlskulpturen die dem
Andenken der Landung der Alliierten und der Befreiung von der
braunen Pest 1944 durch die USA, Canada und GB gewidmet sind.
Dies gelang nur unter größten menschlichen Verlusten, aber ohne
diese würde Europa heute anders ausschauen.
Das sollen die Kinder ruhig wissen bevor es wieder nach Hause geht.
Bon voyage.
Plage à Cabourg
Omaha beach