Edouard Manet - Le Déjeuner sur l'herbe
Kritisieren is a Hund
Tizian Ländliches Konzert
Manets Frühstück im Grünen gilt für viele als Geburtsstunde der
“Moderne”. Da das Gemälde für den Salon 1863 von der Jury abgelehnt
wurde, stellte es Manet im Salon des refusés aus, den Napoléon III. als
"einmalige Ausnahme" billigte. Wie es sich gehört, sorgte das Bild für
einen Skandal. Die Kaiserin Eugenie, die mit ihrem Gemahl die
Ausstellung besuchte, war empört und fand das Bild "schamlos". Kritik
von höchster Stelle also, welch wunderbare Reklame. Gerade deswegen
wurde das Bild zum Publikumsmagnet. Stein des Anstoßes war wieder
einmal dass sich ein Künstler nicht an herkömmliche Konventionen hielt.
Welch Sakrileg. Da war einmal die Nackte, die unschwer als die Malerin
Victorine Meurant identifizierbar war und im Salon ausstellen durfte, im
Gegensatz zu Manet, und auch Modell für Manets Olympia war. Dass sie
nackt inmitten von zwei bekleideten Männern - darunter Manets Bruder
Gustav - dargestellt wurde, war der eigentliche Stein des Anstoßes.
Bisher waren solche Darstellungen nur dann akzeptabel wenn sie
religiös/mythologisch oder allegorisch begründet waren, wie etwa in
Tizians Ländliches Konzert (Concert champêtre 1509, Louvre) wo die
beiden nackten Frauen eine Allegorie auf die Musik sind. Nackte des
täglichen Lebens zu zeigen, noch dazu beim Frühstück, das geht gar
nicht. Sind die Damen etwa Prostituierte?
Manet belustigte diese Kritik. Er legte noch ein Schäuferl nach indem er
sein Gemälde (in Anlehnung an A. Watteau) scherzhaft "La Partie carrée
(Der flotte Vierer) nannte. Ihm ging es um Natürlichkeit und modernes
Leben. Er legitimierte die Nacktheit als naturgegeben und
naturverbunden und machte sich damit lustig über herrschende
Moralvorstellungen und geltende Konventionen von Sittlichkeit. Émile
Zola war ganz begeistert als er ausrief: “il y a au musée du Louvre plus de
cinquante tableaux dans lesquels se trouvent mêlés des personnages
habillés et des personnages nus. Mais personne ne va chercher à se
scandaliser au musée du Louvre. Zustimmung. Die Hypokrisie im Hinblick
auf die damaligen Werke im Louvre ist unübersehbar.
Manet wurde natürlich auch für seine unkonventionelle Darstellungsweise
kritisiert, das Fehlen von Perspektive - die Frau im négligé im Hintergrund
erscheint disproportional groß - die großflächige Farbgebung, der starke
hell-dunkel Kontrast etc. Dabei verzichtet Manet nicht auf Details, wie
etwa den Gimpel (bouvreuil) in der Mitte des oberen Bildrands, den
Frosch in der linken unteren Ecke, und der «brioche» zum Frühstück
welche der unschuldigen Marie Antoinette fälschlicherweise in den Mund
gelegt wurde.
Das beste Qualitätskriterium von Manets Bild ist jedoch dass
es viele Nachahmer hatte: Monet griff Thema 2 Jahre später
1865 auf (Impressionistisches Licht deutet sich an, 4.6 x 6 m,
zerschneidet es aber), Cézanne in den 1970er Jahren, und
Picasso gleich 27 Mal innerhalb von 2 Jahren (1959-1961).
Ein grösseres Kompliment ist schwer vorstellbar.
Im selben Jahr, in dem das "Frühstück" den Salon erregte,
malte Manet ein weiteres Bild seines Modells Victorine
Meurand, diesmal unbekleidet auf einem Bett liegend. Es
war seine "Olympia". Erst zwei Jahre später (1865) bringt er
sie in den Salon, und wird wieder zurückgewiesen. Der
"Salon des Refusés" war inzwischen eine feste Einrichtung
geworden, ebenso wie der Skandal um sein neues Bild.
Beide Bilder Manets haben inzwischen Kultcharakter.
Kritisieren is a Hund.
Déjeuner sur l’herbe
Manet Olympia
Flotter 4-er? Picasso 27 Gemälde zum Theme
Zwei (nackte) Frauen, die mit ihren (bekleideten)
Liebhabern ein Picknick veranstalten? Gegenwärtig ein
völlig harmloses Motiv, aber 1863 galt es nicht bloß als
gewagt, sondern geradezu als unverschämt. Bis heute
hält sich hartnäckig das Gerücht, Edouard Manets
ursprünglich erwogener Bildtitel habe "Le Partie Carée"
gelautet. Einerlei, im Salon de Paris durften nur
"anständige" Bilder gezeigt werden, die bitteschön dem
Kanon der 40 Geschmackspolizisten zu entsprechen
hatten: "Le déjeuner sur l'herbe" wurde von der Jury
abgelehnt. Der Rest ist Geschichte, die Präsentation im
"Salon der Zurückgewiesenen" ("Salon des Refusés")
ebenso wie die höhnische Reaktion des Publikums.
Zur Ikone der Kunstgeschichte avancierte das Gemälde
dennoch. Nicht Claude Monets zwei Jahre später für das prüde
Bürgertum bekömmlichere Variante inspirierte Dolce &
Gabbana (Frühjahrskollektion 2011), sondern Manets flotter
Vierer. Dazu beschäftigten sich auch nachfolgende
Künstlergenerationen mit diesem Skandalwerk, allen voran
Pablo Picasso, der von 1961 bis 1963 nicht weniger als 27
Gemälde, sechs Linolschnitte und etwa 140 Zeichnungen zum
Thema schuf.
https://www.derstandard.at/story/1332324291429/kunstmarkt
auf-ein-fruehstueck-mit-picasso