Eine analoge aber stärkere Wirkung verspüren wir, wenn wir auf einem Berggipfel inmitten der
Alpenregion stehen. Alle die unzähligen Spitzen, die uns umgeben, verschaffen uns jenen eigenen Reiz,
der aus der Wiederholung resultiert." Hodlers stringente Bildkomposition wird durch zwei weitere
Gestaltungsmittel betont. Zum einen bietet Hodler dem Betrachter keine naturalistisch-detaillierte
Schilderung von Bergen, Himmel und Wasser; er betont vielmehr die Fläche und verzichtet auf
Farbperspektive. Dies unterstreicht er andererseits durch die stark beschränkte Farbpalette, die er auf
den Komplementärkontrast Gelb-Blau verdichtet. Dadurch erreicht er eine Verfremdung und Stilisierung
der Landschaft einerseits, eine völlige optische Beruhigung der Darstellung andererseits. Das Ergebnis ist
gleichsam ein Destillat dessen, was Hodler für das Wesentliche, das Essentielle in der Anschauung dieses
Gebirgsmassivs hielt. Damit bekannte er sich zur "Mission des Künstlers". Denn diese sei es, "dem
Unvergänglichen der Natur Gestalt zu geben, ihre innere Schönheit zu enthüllen. Der Künstler kündet
von der Natur, indem er die Dinge sichtbar macht; […] er zeigt uns eine vergrösserte, eine vereinfachte
Natur, befreit von allen Details, die nichts sagen." Unsere Stockhornkette ist weniger eine
Landschaftsansicht als ein eigentliches charakteristisches Portrait dieses Gebirges. Hodler konzentrierte
mit malerischen Mitteln alle Aufmerksamkeit auf Eigenschaften der Berge, wie sie menschlichen
Individuen zugeschrieben werden: Einsamkeit, Erhabenheit und Unnahbarkeit. Nicht Lieblichkeit und
Idylle der Natur interessierten ihn, sondern ihre Grösse, Unendlichkeit und Unberechenbarkeit. Er malte
eine im Wortsinne erhabene, sich über alle Niederungen erhebende Natur und richtete den Blick in
seinen Gemälden häufig nach oben, was als Ausdruck des Wunsches nach Einssein mit der Natur gelesen
werden kann. Tatsächlich kulminiert jede Betrachtung unserer Stockhornkette in ihrem Gipfel, den
Hodler durch den Gegensatz zwischen einer von den letzten Sonnenstrahlen rosa überhauchten
Bergflanke und der dunklen Spitze besonders betont. Oben kristallin und klar, durch schwarz
umrandende Umrisse scharf gegen das Gegenlicht des gelblichen Abendhimmels abgesetzt,
verschwimmt die Silhouette der Bergkette allerdings auf dem spiegelnden Thunersee, ihre Farbigkeit
wird nur gedämpft wiedergegeben. Hodler macht mit solchen Gegensätzen von Amorphem und
Kristallinem, Gestaltetem und Chaotischem die Spannungen in der Natur sichtbar.
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