Hodlers Staffelei in Hilterfingen
1904/05 malt Hodler die Stockhornkette in mehreren Versionen, auf denen sie sich in westlicher
Richtung hin bis zum Gurnigelgebiet erstreckt. 1912/13 beschäftigt er sich erneut mit diesem
Motiv, als er seine kranke Freundin Valentine Godé-Darel in Hilterfingen besucht, wo sie zur
Erholung weilt. Formal konzipierte Ferdinand Hodler den hier angebotenen Thunersee mit
Stockhornkette um zwei Symmetrieachsen. Sehr deutlich herausgearbeitet ist die horizontale
Achse, nämlich die Uferlinie des Thunersees, die die Darstellung fast genau mittig in eine untere
und obere Bildhälfte trennt und als Kante der Spiegelung der Stockhornkette nach unten dient.
Die zweite, vertikale Achse wird durch eine gedachte Linie zwischen dem Stockhorngipfel und
seinem Spiegelbild unten gebildet. Links und rechts fallen die Bergrücken in ungefährer
Entsprechung voneinander zu den Bildrändern ab. Die parallel verlaufenden Wolkenstreifen
unter den Gipfeln nehmen diese Rhythmisierung auf. Durch diese beiden Achsen ergeben sich
vier Bildquadranten, die sich ähneln und deren Ecken genau an jenem Punkt zusammenlaufen,
den Hodler mit einem gedämpften Rot betont: der Bildmitte. Bereits die Wahl des
Bildausschnitts erfolgte durch Hodler so, dass ein Motiv seine Anlage zu bilateraler Symmetrie
offenbaren konnte. Symmetrie, das ist die Unveränderlichkeit eines Objektes, auch wenn es
gedreht, gespiegelt oder verschoben wird. Sie stellte eines der wichtigsten Gestaltungsprinzipien
von Hodler auf seiner Suche nach einem Naturphänomen dar, das im Zentrum seines Schaffens
stand, dem Parallelismus. "Parallelismus benenne ich jede Art von Wiederholung", erklärte er in
einem Vortrag. "So oft ich in der Natur den Reiz der Dinge am stärksten spüre, ist es immer ein
Eindruck von Einheit. Führt mich mein Weg in einen Tannenwald, wo die Bäume sich hoch zum
Himmel heben, so sehe ich die Stämme, die ich zur Linken und Rechten vor mir habe, als
unzählige Säulen. Ein- und dieselbe vertikale Linie, viele Male wiederholt, umgibt mich. […]
Eine analoge aber stärkere Wirkung verspüren wir, wenn wir auf einem Berggipfel inmitten der
Alpenregion stehen. Alle die unzähligen Spitzen, die uns umgeben, verschaffen uns jenen eigenen Reiz,
der aus der Wiederholung resultiert." Hodlers stringente Bildkomposition wird durch zwei weitere
Gestaltungsmittel betont. Zum einen bietet Hodler dem Betrachter keine naturalistisch-detaillierte
Schilderung von Bergen, Himmel und Wasser; er betont vielmehr die Fläche und verzichtet auf
Farbperspektive. Dies unterstreicht er andererseits durch die stark beschränkte Farbpalette, die er auf
den Komplementärkontrast Gelb-Blau verdichtet. Dadurch erreicht er eine Verfremdung und Stilisierung
der Landschaft einerseits, eine völlige optische Beruhigung der Darstellung andererseits. Das Ergebnis ist
gleichsam ein Destillat dessen, was Hodler für das Wesentliche, das Essentielle in der Anschauung dieses
Gebirgsmassivs hielt. Damit bekannte er sich zur "Mission des Künstlers". Denn diese sei es, "dem
Unvergänglichen der Natur Gestalt zu geben, ihre innere Schönheit zu enthüllen. Der Künstler kündet
von der Natur, indem er die Dinge sichtbar macht; […] er zeigt uns eine vergrösserte, eine vereinfachte
Natur, befreit von allen Details, die nichts sagen." Unsere Stockhornkette ist weniger eine
Landschaftsansicht als ein eigentliches charakteristisches Portrait dieses Gebirges. Hodler konzentrierte
mit malerischen Mitteln alle Aufmerksamkeit auf Eigenschaften der Berge, wie sie menschlichen
Individuen zugeschrieben werden: Einsamkeit, Erhabenheit und Unnahbarkeit. Nicht Lieblichkeit und
Idylle der Natur interessierten ihn, sondern ihre Grösse, Unendlichkeit und Unberechenbarkeit. Er malte
eine im Wortsinne erhabene, sich über alle Niederungen erhebende Natur und richtete den Blick in
seinen Gemälden häufig nach oben, was als Ausdruck des Wunsches nach Einssein mit der Natur gelesen
werden kann. Tatsächlich kulminiert jede Betrachtung unserer Stockhornkette in ihrem Gipfel, den
Hodler durch den Gegensatz zwischen einer von den letzten Sonnenstrahlen rosa überhauchten
Bergflanke und der dunklen Spitze besonders betont. Oben kristallin und klar, durch schwarz
umrandende Umrisse scharf gegen das Gegenlicht des gelblichen Abendhimmels abgesetzt,
verschwimmt die Silhouette der Bergkette allerdings auf dem spiegelnden Thunersee, ihre Farbigkeit
wird nur gedämpft wiedergegeben. Hodler macht mit solchen Gegensätzen von Amorphem und
Kristallinem, Gestaltetem und Chaotischem die Spannungen in der Natur sichtbar.
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