FZ: Auch die Reise nach China heckte ich aus. Vorwand war eine Einladung in die Teekapitale Hangzhou, dem Ferienort der chinesischen
Bonzen 200 km südlich von Shanghai. Seit unserem Pekingbesuch hat sich nicht viel geändert, zumindest politisch. Deng ist weg, und
Zemin wird nicht müde zu erklären, dass die Demokratie für China die ungeeignetste Staatsform sei.
Parteigründer werden also weiterhin ins Gefängnis gesteckt. Während meiner Predigt absolvierte Brigitte das Damenprogramm,
erfeilschte eine Perlenkette und reservierte über ihr Handy, das in China überraschenderweise funktionierte, ein Hotelzimmer in
Shanghai. Vorher gingen wir noch auf die obligate Tempeltour und erfuhren, dass 1943 das Jahr des Widders, und 1949 jenes der Ratte
war. Igittigitt. Bezeichnend für den Pragmatismus der Chinesen : um für das Abschlussbankett rasch an Fische zu kommen, wurde
kurzerhand der ganze Hotelsee ausgelassen und händisch eingesammelt. Gerädert vom 20-gängigen Gericht liessen wir uns von der Bahn
nach Shanghai rollten. In der sogenannten soft seat Klasse, um Kontakt mit Hühnern und andere Tieren zu vermeiden. Den Ausdruck
erste Klasse gibts natürlich nicht.
Shanghai ist (und war) dem Westkapitalismus weit offen, und erinnert mit seinen Kontrasten an Hongkong. Wolkenkratzer neben
Armenvierteln (aber nicht Elendsvierteln), Luxusgeschäfte neben Strassenboutiquen, Nobelrestaurants umgeben von Fahrradküchen,
und Luxuslimousinen eingepfercht zwischen Fahrradscharen. Manche Fahrräder haben aufmontierte Fässer zur Ölentsorgung der
zahlreichen Küchen. Niemand konnte (oder wollte) mir sagen was mit dem Öl passiert. Porzellan, Jade, Bronze und Möbel schaut man
sich natürlich am besten im Shanghai Museum an. Geduldige finden aber auch am Antique Market Vasen, und werden dort nach
mutigem und wiederholtem Weggehen durch Preisreduktionen belohnt. Couragierte können Immobilien besuchen und kaufen. Uns
wurde eine neue 90 m2Wohnung um eine Million ATS angeboten. Und das im kommunistischen China. Unser Hotel Mandarin lag an der
Einkaufsstrasse Nanjing lu, aber ausser Seide und Kaschmir gabs dort nur Ramsch. Tapfer kämpften wir uns durch bis zum Bund und dem
Peace Hotel im Jugendstil. Dort gabs Arbalone (Seeohr) und Mandarin Fisch, der sich als Gold-brasse (dorade dorée) mit Ingwer und
Knoblauch herausstellte, und eine Dixieland Band. Den Genuss von Hühnerfüssen, Hühnerköpfen und Kröten versagten wir uns. Wir
müssen ja nicht allesden Chinesen nachmachen. Die essen angeblich alles was vier Füsse hat ausser Tisch und Sessel, und alles was fliegt
ausser Helikopter. Am meisten übers Essen gschimpft haben übrigens die Japaner.
Achtung in den comfort rooms. Im Vorraum genügend viel von der öffentlichen Rolle abreissen und in die Kabine mitnehmen. Drinnen
gibts nur Drahtbürsten.
Hangzhou/Shanghai 1998