Venus von Willendorf
Schicksal eines Mitentdeckers der prähistorischen weiblichen Reize
Die elf Zentimeter hohe Frauenfigur aus kalkhältigem Oolith zählt
zu den bedeutendsten und bekanntesten archäologischen
Funden der Welt. Sie besitzt zwar kein Gesicht und nur dünne
Arme, dafür aber schwere Brüste und ein beeindruckendes
Hinterteil in halb sitzender Haltung. Ausgegraben wurde die
Schönheit 1908 in Willendorf (Wachau), daher ihr Name. Ihr Alter
wird auf 29 500 Jahre geschätzt (-27 000), sie stammt also aus der
jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum), dem Gravettien, d.h.
noch vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit. Noch älter ist die
bei Stratzing (unweit der Fundstelle der Venus von Willendorf)
1988 gefundene Venus vom Galgenberg, die auf ein Alter von ca.
32 000 Jahre (-30.000) datierte wurde, und aus grünem Serpentin
besteht (7,2 cm groß, ca. 10 g). Im Gegensatz zur Venus von
Willendorf weist sie eine tänzerische Haltung auf und bekam
deshalb auch den Spitznamen "Fanny vom Galgenberg", benannt
nach der bekannten Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884). Die Figur
kann allerdings auch als Jäger mit Keule gedeutet werden.
Venus vom Galgenberg
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Venus
Mitfinder der Venus von Willendorf war der renommierte
Prähistoriker Josef Bayer, damaliger Direktor der Prähistorischen
und Anthropologischen Sammlung des k. und k. Naturhistorischen
Hofmuseums in Wien. Heute ziehrt die Venus eine Tresor-Vitrine im
Venus-Kabinett des NHM, und wird als "bedeutendstes
Sammelobjekt des Hauses" bezeichnet. Eine Kopie davon befindet
sich im Museum am Fundort.
Zur Deutung der Venus: sie sei "kein Sexsymbol", meinte eine
Vorgeschichte-Spezialistin, sondern zeige eine ältere Frau, die wohl
schon ihre Menopause hinter sich hat also die älteren Damen der
Gesellschaft repräsentiert, die durch ihr Wissen und ihre Erfahrung
sehr nützlich und wichtig waren.
Gut und schön, aber dies war nicht die Meinung der
Internetplattform Facebook. Diese sperrt 2017 wiederholt Fotos
von der fast 30.000 Jahre alten Nacktheit unter dem Vorwand es
handle sich um "Pornografie". In der Zwischenzeit scheint sich die
Situation verbessert zu haben, denn Fotos dieser Venus werden
wieder "ausnahmsweise" erlaubt. Und das zu einer Zeit, wo der
amerikanische Ex-und nun Wieder Präsident Trump ungestraft
sagen durfte: "...grab them by the pussy".
Josef Bayer
Inspiriert vom steinzeitlichen Vorbild, aber nicht weniger
publikumswirksam, präsentierte Jeff Koons davor (März 2016) seine
aufgeblasene Hommage an die Venus von Willendorf aus poliertem
Stahl. Am Eingang des NHM. Ohne Zwischenfall. Glück gehabt.
Josef Bayer wurde übrigens in den 1920er Jahren von Professoren
der Universität Wien schwerstens diskriminiert. Nach einer
Hexenjagd der dortigen Nazi-Clique mit dem Ziel ihn durch einen der
"ihren» zu ersetzen, wurde ihm die Lehrbefugnis lebenslang
entzogen. Nach einem geharnischten Protest wurde der Entzug 1927
zwar auf "nur" 3 Jahre reduziert, Bayer hatte davon allerdings nicht
mehr viel: Er starb im Juli 1931 mit gerade einmal 49 Jahren. Selbst
nach Bayers Tod ging die Rache der Professoren weiter: Im Nachruf
der Uni wurde unter anderem der Satz ersatzlos gestrichen, dass
Bayer Mitentdecker der Venus von Willendorf war.
Mit der Bezeichnung "Hakenkreuzprofessoren" für seine damaligen
Widersacher war Bayer durchaus prophetisch: Othenio Abel etwa
wurde 1934 wegen seiner NS-Sympathien frühpensioniert; das SS-
Mitglied Viktor Christian (Grossvater von Mechthild Yvon) stieg nach
dem "Anschluss" unter anderem zum Dekan der Philosophischen
Fakultät auf. Und Oswald Menghin, der vermutlich für die
nachträgliche Entehrung in Bayers Nachruf sorgte, wurde kurzzeitig
NS-Unterrichtsminister.
Jeff Koons Balloon Venus
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