Jan Vermeer - Die Malkunst
Allegorie der Geschichte oder der Poesie?
Es ist vermutlich das wertvollste Gemälde des KHM Wien. Welch anderes Bild aus den
Niederlanden hat einen stärkeren Bezug zu Österreich, ist für so einen Pappenstiel gekauft,
verkauft und wiedergekauft worden, bevor es die Vertreter der jungen Republik und ihres
Henkers beschäftigte, über den berüchtigten Berghof („Kunst dem Volke“) in ein sicheres Depot
in Bad Aussee wanderte, und schließlich über München nach Wien zurückfand, wo es zum Streit
mit seinen früheren adeligen Besitzern, den Grafen Czernin, kam. Darüber sind Bücher
geschrieben worden in denen eigentlich schon alles gesagt wurde. Wenig bekannt ist aber die
Tatsache dass sich ein Nachkomme dieser Grafen, der Journalist Hubertus Czernin, hinter den
Kunstrückgabebeirat stellte, als dieser 2011 den Rückgabeanspruch seiner feinen Verwandten
mit dem Argument abwies, der Verkauf des Bildes an den Verrückten aus Braunau sei ohne
Zwang erfolgt. Damit trug er bei dass das Bild, das erst seit 1946 im Besitz des KHM war,
weiterhin in Wien blieb.
Eine noch offene Frage ist die Deutung des Bildes: stellt es eine Allegorie der Geschichte oder
eine der Poesie dar, letztere möglicherweise geboren aus dem Drang nach Selbsterfüllung eines
Ausnahmekünstlers? Zahlreiche Details des Gemäldes lassen verschiedene Deutungen zu:
Da wäre zunächst das Mädchen: stellt es wirklich die Muse Klio dar, wie oft behauptet,
erkennbar an den Attributen Lorbeerkranz, Trompete und Buch zur Verherrlichung der
Geschichtsschreibung oder der Malkunst? Oder ist sie nur hübsche Zeugin ihrer Zeit, die zufällig
vor der Stadtansicht Delft mit dem Königspalast der Oranier steht? Wer stand Vermeer Modell?
Zur ungewöhnlichen Landkarte (sie ist oben nach Westen ausgerichtet und nicht, wie heute
üblich, nach Norden). Sie zeigt Holland mit den 17 Provinzen noch vor der Teilung in den
protestantischen Norden der Oranier und den katholischen Süden, in dem die spanischen
Habsburger regierten. Die Teilung - erkennbar am Knick in der Mitte der Landkarte, erfolgte
1648, der Geburtsstunde der Niederlande. Im Süden entstand später Belgien. Vermeer malte
das Bild aber viele Jahre später (ab 1664), es ist also geschichtlich gesehen völlig überholt,
ähnlich wie Rembrandts kurz vorher gemalter Claudius Civilis (1661/2), der die historischen
Wurzeln der Niederlande darstellt. Betätigte sich Vermeer hier als Historienmaler, in dem er
persönlich Stellung nimmt? Vermeer war Katholik, im Gegensatz zu Rembrandt der Calvinist
war. Rembrandts Claudius Civilis (siehe Essay) war ein Auftragswerk des Nordens und für
letzteren identitätsstiftend, im Gegensatz zu Vermeers Malkunst, dessen Auftraggeber unsicher
ist und das nie als identitätsstiftend empfunden wurde.
Und schließlich wäre da noch der Kronleuchter: er ist an einem doppelköpfigen Adler
aufgehängt, hat aber keine Kerzen. Symbolisiert er die "erloschene" Macht der Habsburger im
protestantischen Norden der Niederlande? In diese Richtung zeigt ja auch die Spitze der
Staffelei des Malers, vielleicht nicht zufällig.
Das Gemälde ist jedenfalls ein Prachtbeispiel für eine Fülle an Details, die nur schwer
interpretierbar sind. Gerade darin liegt sein Reiz. KY 2019
Claudius Civilis