Da wäre zunächst das Mädchen: stellt es wirklich die Muse Klio dar, wie oft behauptet,
erkennbar an den Attributen Lorbeerkranz, Trompete und Buch zur Verherrlichung der
Geschichtsschreibung oder der Malkunst? Oder ist sie nur hübsche Zeugin ihrer Zeit, die zufällig
vor der Stadtansicht Delft mit dem Königspalast der Oranier steht? Wer stand Vermeer Modell?
Zur ungewöhnlichen Landkarte (sie ist oben nach Westen ausgerichtet und nicht, wie heute
üblich, nach Norden). Sie zeigt Holland mit den 17 Provinzen noch vor der Teilung in den
protestantischen Norden der Oranier und den katholischen Süden, in dem die spanischen
Habsburger regierten. Die Teilung - erkennbar am Knick in der Mitte der Landkarte, erfolgte
1648, der Geburtsstunde der Niederlande. Im Süden entstand später Belgien. Vermeer malte
das Bild aber viele Jahre später (ab 1664), es ist also geschichtlich gesehen völlig überholt,
ähnlich wie Rembrandts kurz vorher gemalter Claudius Civilis (1661/2), der die historischen
Wurzeln der Niederlande darstellt. Betätigte sich Vermeer hier als Historienmaler, in dem er
persönlich Stellung nimmt? Vermeer war Katholik, im Gegensatz zu Rembrandt der Calvinist
war. Rembrandts Claudius Civilis (siehe Essay) war ein Auftragswerk des Nordens und für
letzteren identitätsstiftend, im Gegensatz zu Vermeers Malkunst, dessen Auftraggeber unsicher
ist und das nie als identitätsstiftend empfunden wurde.
Und schließlich wäre da noch der Kronleuchter: er ist an einem doppelköpfigen Adler
aufgehängt, hat aber keine Kerzen. Symbolisiert er die "erloschene" Macht der Habsburger im
protestantischen Norden der Niederlande? In diese Richtung zeigt ja auch die Spitze der
Staffelei des Malers, vielleicht nicht zufällig.
Das Gemälde ist jedenfalls ein Prachtbeispiel für eine Fülle an Details, die nur schwer
interpretierbar sind. Gerade darin liegt sein Reiz. KY 2019
Claudius Civilis