Jan Vermeer - A Girl Asleep
ein übermalter Besuch
Da pennt eine Frau mit aufgestütztem Kopf und geröteten Wangen vor
sich hin, ein Glas Wein vor sich auf dem Tisch. Wovon träumt sie? Von
ihrem Liebhaber? Die Interpretationen überschlagen sich. Die geröteten
Wangen könnten tatsächlich von einem eben stattgefundenen
erotischen Gastspiel herrühren, vielleicht aber auch nur vom Wein, oder
vielleicht gar von beiden? Für die einen ist die Träumerin eine
aufgeputzte Magd, für die anderen eine eher nachlässig gekleidete Frau
des Hauses. Sicher ist nur dass die Weinkaraffe auf dem Tisch davor
nicht mehr ganz voll ist. Sicher ist auch dass eine solche Karaffe,
zusammen mit dem kostbaren Teppich auf dem Tisch, gemeinhin nicht
zum Ambiente gehören, in dem eine Magd ihren Liebhaber empfängt.
Auch scheint alles etwas unordentlich. Der als Tischdecke dienende
orientalische Teppich ist nachlässig zurückgeschoben. Auf dem Tisch
befinden sich eine Obstschale aus Delfter Keramik für die einen, aus
China r die anderen, und davor ein durchscheinender Behälter, der
ein umgefallenes Glas sein könnte. Auffallend ist auch der Kontrast
zwischen dem unordentlich wirkenden Vordergrund und dem kargen
Hintergrund. Durch die offene Tür fällt der Blick in einen fast
unmöblierten Raum, an dessen Rückwand zwei Bilder hängen. Was will
Vermeer eigentlich zeigen?
Vielleicht liegt des Rätsels Lösung unter der ersten Malschicht
verborgen. Röntgenuntersuchungen enthüllten dass Vermeer
ursprünglich einen ganz anderen Hintergrund angelegt hatte. Dieser
wirkte alles andere als karg. Da befand sich im Raum hinter der Frau
ein Mann, und in der Tür ein Hund der zum Mann blickt. Diese
ursprüngliche Konstellation wurde von einen Vermeer-aficionado
malerisch nachempfunden. Sie gibt der Hypothese eines erotischen
Besuchs definitiv Auftrieb: der Mann hat soeben das Zimmer
verlassen, und von seinem Besuch zeugt nur noch das
durcheinandergeratene Tischtuch und ein möglicherweise
umgestoßenes Glas. Aber es ist vor allem die Anwesenheit des
Hundes - auf vielen alten Gemälden der Zeuge des leiblichen Pakts
zwischen Mann und Frau - der diese These unterstützt. Die geröteten
Wangen des Mädchens natürlich auch.
Stellt sich die Frage, warum Vermeer das Bild übermalt hat. War ihm -
oder jemand anderem - die Erotik der ursprünglichen Komposition zu
gewagt? Oder wollte er ganz einfach auf eine eventuelle
Moralisierung seines Gemäldes verzichten?
Egal, er wird schon seine Gründe gehabt haben