Jan Vermeer - A Girl Asleep
ein übermalter Besuch
Da pennt eine Frau mit aufgestütztem Kopf und geröteten Wangen vor
sich hin, ein Glas Wein vor sich auf dem Tisch. Wovon träumt sie? Von
ihrem Liebhaber? Die Interpretationen überschlagen sich. Die geröteten
Wangen könnten tatsächlich von einem eben stattgefundenen
erotischen Gastspiel herrühren, vielleicht aber auch nur vom Wein, oder
vielleicht gar von beiden? Für die einen ist die Träumerin eine
aufgeputzte Magd, für die anderen eine eher nachlässig gekleidete Frau
des Hauses. Sicher ist nur dass die Weinkaraffe auf dem Tisch davor
nicht mehr ganz voll ist. Sicher ist auch dass eine solche Karaffe,
zusammen mit dem kostbaren Teppich auf dem Tisch, gemeinhin nicht
zum Ambiente gehören, in dem eine Magd ihren Liebhaber empfängt.
Auch scheint alles etwas unordentlich. Der als Tischdecke dienende
orientalische Teppich ist nachlässig zurückgeschoben. Auf dem Tisch
befinden sich eine Obstschale aus Delfter Keramik für die einen, aus
China für die anderen, und davor ein durchscheinender Behälter, der
ein umgefallenes Glas sein könnte. Auffallend ist auch der Kontrast
zwischen dem unordentlich wirkenden Vordergrund und dem kargen
Hintergrund. Durch die offene Tür fällt der Blick in einen fast
unmöblierten Raum, an dessen Rückwand zwei Bilder hängen. Was will
Vermeer eigentlich zeigen?