Das Fresko in der Sala degli Elementi des Palazzo Vecchio in Florenz ist nicht das
bekannteste Werk von Giorgio Vasari, aber das am schwersten zu betrachtende. Es
befindet sich in einer Aussparung am höchsten Punkt der Decke, wodurch Details, die für
das Verständnis des Werks wichtig wären, infolge Genickstarre nicht erkennbar sind.
Da wäre zunächst die makabre Szene der Kastration des Uranos durch seinen Sohn Kronos
(röm. Saturn). Auch ein geübtes Auge wird diese Gewalttat nicht bis zur letzten
Konsequenz nachvollziehen können, denn Vasari versteckte das wichtigste Detail des
medizinischen Eingriffs. Dazu ein wenig griechische Mythologie.
Giorgio Vasari Verstümmelung” des Uranos
humorvolle Betrachtungen zu einem Organverlust
Mythologie: Uranos galt als Personifikation des Himmels. Er war der erste
Gott in der griechischen Mythologie, und war zugleich Sohn und Gatte der
Gaia. Mit ihr hatte er 12 Kinder („Titanen“), davon 6 Töchter. Er trieb es
aber nicht nur mit seiner Mutter, sondern war auch eiferchtig auf seine
vielen Kinder. Aus Angst er würde von ihnen entmachtet, versteckte er sie
im Tartaros, dem Straf-Ort der Unterwelt. Gaia goutierte das überhaupt
nicht, und brachte ihren Sohn Kronos/Saturn dazu, seinen Vater zu stürzen.
Er tat dies indem er ihn kurzerhand entmannte. Mit einer Sichel die ihm
seine Mutter gab. Klarer Fall von göttlicher Beihilfe zu sexueller
Verstümmelung. Aus dem achtlos ins Meer geworfenen Prachtstück des
Uranos entstand übrigens die schaumgeborene Aphrodite/Venus. So
schrieb es zumindest der griechische Dichter Hesiod. Sicherer ist hingegen
die Autorenschaft ihres Gemäldes von Botticelli. Es hängt in den Uffizien
nebenan.
Wie in der feinen Göttergesellschaft üblich, war auch Kronos kein
Waisenkind. Er trieb es mit seiner Schwester Rhea/Ops so lange bis sie ihm
Zeus/Jupiter gebar. Seine anderen Kinder hatte er vorher kurzerhand
aufgefressen, woran uns Rubens und Goya eindrucksvoll erinnern. Dass
ihn sein Sohn Zeus seinerseits entmachten würde, war zu erwarten, aber
das hat mit Vasaris Fresko nichts mehr zu tun. Wichtiger sind folgende,
völlig unerwarteten Details in diesem Bild.
Rubens 1636 Goya 1819/23
Kronos/Jupiter frisst seine Kinder
Botticelli Venus 1484
Da wäre zunächst die hingegossene, entblößte weibliche Figur im Bild rechts. Was tut die
Dame? Sie reibt sich lustvoll ihre Brüste. Und das während Kronos seinen Vater kastriert!
Die blutige Machtübernahme scheint die Genießerin nicht zu stören, ja ihr sogar zu
gefallen. Wer ist sie? Eine der 6 Töchter des Uranos, etwa Rhea, Schwester des
Beschneiders, Ceres dessen Tochter, oder gar Gaia selbst? Mysterium.
Das ist nicht alles. Wenn man den Blick hebt, gibt es eine weitere Überraschung. Nicht
weit vom Kopf der Entblößten, rechts neben dem Siegerkranz gut versteckt, erkennt man
ein Lachgesicht. Da scheint sich jemand über die ganze Szene köstlich zu amüsieren. Wer
ist dieser Schalk? Vasari himself? Es würde ihm ähnlich sehen. Leider kann dieses Detail
nicht aus der Nähe studiert werden, denn das Fresko wird derzeit (2019) restauriert.
Wird das Lachgesicht überleben?
Für Freunde schöner Brüste: nur wenige Schritte vom Palazzo Vecchio entfernt steht in
der Loggia des Palazzo Bargello die Figur der Ceres von Bartolomeo Ammanati.
Interessantes Detail: auch sie greift sich an ihre Brüste, und zwar in derselben
aufreizenden Weise wie die Nackte Vasaris nebenan. Als Göttin der Fruchtbarkeit und
der Ehe irgendwie verständlich. Vasaris Nackte ist aber nicht Ceres, sondern Clementia,
der römischen Göttin der Milde, sagt Vasari selbst. Man muss ihm glauben, auch wenn
er uns nicht sagt, warum sich seine Göttin auf die Brüste greift. Mysterium. Handelt es
sich vielleicht um ein dreistes Plagiat? Die Frage wäre dann, wer hat wen kopiert? Beide
Werke entstanden ja zur selben Zeit. Ihr damaliger Auftraggeber Cosimo I. wäre heute
empört wie sichs gehört, oder würde sich einen Ast ablachen.
Ammananti Ceres (Bargello)
Restauration 2019
Lachgesicht
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