Vincent van Gogh - Stillleben mit Wiesenblumen
und Rosen
Echt-unecht-echt Wissenschaft schafft Klarheit
Das seltsam chaotische Blumenstillleben wurde 1974 vom Kröller-
Muller Museum für den stolzen Preis von 550.000 Gulden angekauft,
nachdem es 16 Monate zuvor bei Sothebys in London gescheitert war.
Man vermutete, dass es von Van Gogh stammen könnte. Mit diesem
Argument wurde es mit Mitteln der Rembrandt-Gesellschaft und der
Prinz-Bernhard-Stiftung erworben, um einen Verkauf ins Ausland zu
verhindern. Eine Kuratorin des Museums beschrieb das Werk als
herausragend“ und „bemerkenswert, fand aber das Bild in seiner
Größe, der Menge an üppigen farbigen Blumen und der glatten „recht
schulischen Ausführung“ ungewöhnlich. Das Format sei untypisch groß
für Stillleben des Malers, schrieb das Museum auf seiner Internetseite.
Zu groß jedenfalls im Vergleich zu den zahlreichen anderen
Blumenstillleben, die van Gogh in Paris malte, weil ihm das Geld für
grössere Malunterlagen fehlte. Zu uneinheitlich wirke der Farbauftrag,
zu untypisch wären die vielen liegenden Blumen im Vordergrund zu
falsch wirke die ungelenke Signatur ("Vincent") in der rechten oberen
Ecke.
Signatur
Im 2003 erschienenen Katalog des Museums „The paintings of Vincent
van Gogh in the collection of the Kröller-Müller Museum“ wurden
weitere Argumente gegen die Echtheit des Bildes vorgebracht, die
schliesslich zu seiner Aberkennung führten. Im offiziellen
Bestandskatalog wurde das Bild nur noch als "früher van Gogh
zugeschrieben" aufgeführt. "Sehr schmerzlich" sei diese Entscheidung,
teilten die Autoren lapidar mit und begründeten sie vor allem mit der
untypischen Signatur. Dennoch verblieb das Bild in der Sammlung des
Museums.
Von Zweifel genagt, entschloss sich das Museum im Jahre 2012 zu
weiteren Untersuchungen, diesmal an der Synchrotronquelle DESY in
Hamburg. Röntgenuntersuchungen hatten nämlich 1998 gezeigt, dass
sich hinter den Blumen ein anderes, übermaltes Bild verbarg. Es zeigte
zwei halbnackte Ringer. Erst genauere Untersuchungen mittels Makro-
Röntgenfluoreszenzanalyse schafften Klarheit bezüglich der Kleidung
der übermalten Ringer und der dabei verwendeten Farben. Die
Farbpigmente stimmen mit denen anderer Werke Van Goghs aus
dieser Periode völlig überein, teilte das Museum mit. Auch die
Pinselstriche seien im verborgenen Bild typisch für ihn. Die
Erkenntnisse ließen keinen Zweifel daran, das sowohl die Ringer als
auch das Blumenstillleben von Van Gogh gemalt wurden.
Die ExpertInnen gehen heute davon aus, dass Van Gogh das übermalte
Bild mit den Ringern 1885 oder 1886 malte, als er an der Kunstakademie
in Antwerpen Unterricht nahm. Er erwähnte eine derartige Komposition
in einem Brief an seinen Bruder. Die große Leinwand war dort ein
Standardformat für solche Studien. Als er nach Paris zog, nahm er das Bild
mit und übermalte es, eine für ihn typische Vorgehensweise, da er selten
genug Geld für neue Leinwände besaß.
Damit können auch die Punkte erklärt werden, die als Argumente gegen
die Zuschreibung des Bildes an Van Gogh sprachen: Das Format des
Bildes, das wesentlich größer ist als vergleichbare Blumenstillleben van
Goghs, und der überladene Vordergrund des Bildes. Die Größe des Bildes
wurde durch die bereits vorhandene Leinwand vorgegeben, und die
Blumen im Vordergrund waren nötig um zu verhindern, dass die Ringer
sich unter der Oberfläche abzeichneten.
Also doch echt.
Fazit : erst moderne moderne wissenschaftlich Untersuchungen mittels
Makro-Röntgenfluoreszenzanalyse machten es möglich ein als unecht
abgeschriebenes Gemälde 19 Jahre später für echt zu erklären. Es war
nicht der erste Erfolg dieser Technik beim Aufspüren von übermalten
Gemälden. Auf ähnliche Weise gelang bereits 2007 der Nachweis eines
weiblichen Kopfporträts unter einem Rasenbild (Grasgrond) Van Goghs
im Kröller-Müller-Museum.
Bleibt das ungelöste Rätsel der "ungelenken» Signatur in der rechten
oberen Ecke. Vielleicht doch nicht echt? Oder doch gelenk?