Van Gogh Sonnenuntergang bei Montmajour
Experten irren: wiederentdeckte Authentizität
Hundert Jahre lang kugelte das Gemälde irgendwo in Norwegen herum
(darunter in einem Dachboden) bevor es als ein echter Van Gogh erkannt
wurde. Das relativ grossformatige, pastos gemalte Bild zeigt eine
Landschaft mit Bäumen und Büschen vor einem abendlichen Himmel mit
Mauerresten im Hintergrund. Gekauft wurde es 1908 vom norwegischen
Unternehmer Christian Nicolai Mustad. Da aber bald Zweifel an der
Authentizität des Bildes aufkamen, liess es sein Besitzer buchstäblich
verstauben. Erst nach seinem Tod 1970 zeigte es der neue (unbekannte)
Besitzer den Sachverständigen des Van-Gogh-Museums. Diese
untersuchten das Bild den 1990er Jahren, hielten es aber für nicht
authentisch, unter anderem weil es nicht signiert war.
Erst Jahre später wurde das Bild vom selben Museum ein zweites Mal
untersucht, diesmal mit angeblich "neuen" Techniken. Zwei Jahre später
geschah das Unfassbare: das Gemälde wurde als ein echter Van Gogh
deklariert und im Herbst 2013 der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt. Der
Fall ging natürlich durch die Zeitungen, denn es war das erste
wiederentdeckteWerk van Goghs seit dem Erscheinen von Jacob-Baart
de la Failles catalogue raisonné im Jahr 1928, nicht aber der erste
Schnitzer von Kunstexperten.
Dass es so lange brauchte die Authentizität des Gemäldes festzustellen, ist
eigentlich unverständlich. Die angeblich "neuen" Techniken waren nicht so
neu, es handelte sich schlicht um die lang bekannte Methode der
Röntgenfluoreszenzanalyse die zeigte, dass die verwendeten Farbpigmente
im Bild denjenigen entsprechen, die Van Gogh 1888 in Arles verwendet
hatte.
Man hat eher den Eindruck es sollten mit dem Euphemismus "neue"
Technik vergangene Versäumnisse kaschiert werden, wie etwa ein
aufmerksames Studium des Inventars von Van Goghs Bruder Theo in
welchem das Gemälde 1890 mit einer Nummer erwähnt ist, oder der
Briefwechsel zwischen den Brüdern, in denen das Bild zweimal erwähnt
wurde. Das Gemälde lässt sich somit auf den Tag genau datieren (5 Juli
1988). Es entstand in der Hauptphase des Künstlers in Arles. Die
Gebäudereste stellten sich übrigens als die Ruinen der Benediktinerabtei
Montmajour in der Provence heraus.
Unverständlich ist auch, dass der Maler selbst das Bild zu Lebzeiten als
misslungen bezeichnete. Aus heutiger Sicht könnte man eher die Arbeit der
Experten als misslungen bezeichnen, die 100 Jahre lang eine korrekte
Zuschreibung des Gemäldes verhinderten.