Van Gogh - Autoportraits à l'oreille bandée
Von falschen Werkverzeichnissen, wenn Erben von Künstlern schwach
werden, der tote Vincent malt und malt
Kunsthaus Zürich
Courtauld Institute of Art
London
Vincent van Gogh war nur 10 Jahre künstlerisch aktiv, schuf aber an
die 40 Selbstbildnisse, darunter zwei mit einem Verband über der
Wunde seines abgeschnittenen Ohrs. Eines davon - das mit dem
japanischen Holzschnitt im Hintergrund, aber ohne Pfeife - ist im
Bestand der Courtauld Instituts in London, das andere - das mit Pfeife
- im Kunsthaus Zürich als Dauerleihgabe der Erben des griechischen
Reeders Stavros Niarchos.
Während die Authentizität der Londoner Version über jeden Verdacht
erhaben scheint, wurde jene der Züricher Version in einem
Zeitungsbericht bezweifelt (Weltwoche 2014). Unter den zitierten
Experten behaupteten die einen (etwa der umstrittene van Gogh-
Spezialist Benoit Landais) das Gemälde wäre von Emile Schuffenecker,
einem Freund von Gauguin, der es als Hommage an den kürzlich
verstorbenen Van Gogh 1893 malte, während die anderen meinten
(etwa der anerkannte Van-Gogh-Experte Walter Feilchenfeldt) diese
Unterstellungen seien unerhört
Wie auch immer, sicher ist dass sich Van Gogh in Arles am
Abend des 23. Dezember 1888 überreizt, überarbeitet, von Paul
Gauguin genervt und vom Absinth betrunken ein Stückchen
vom linken Ohr abgeschnitten hat (über die gegenteilige
Meinung, es wäre das ganze Ohr gewesen, und Gauguin hätte
es ihm abgeschnitten, gibt es ein ganzes Buch). Dass Van Gogh
das abgeschnittene Ohr angeblich einer Prostituierten namens
Rachel offerierte, tut hier nichts zur Sache, bestätigt aber dass
er psychisch krank war. Sicher ist auch dass sein Selbstbildnis
ohne Pfeife nur einen Monat später (Januar 1889) mit Hilfe
eines Spiegels entstand (daher liegt der Verband scheinbar auf
der rechten Seite), und dass es Vincent eigens für seinen Bruder
und Kunsthändler Théo gemalt hat. Damit wollte er ihm
beweisen, dass er schon wieder im Besitz seiner künstlerischen
Kräfte war. Das Bild gelangte in Théos Sammlung, und 19
Monate später nahm sich Vincent das Leben.
Die These, Schuffenecker hätte das Bild mit Pfeife gemalt, ist
nicht völlig absurd, denn dieser erwarb 1890 einige Gemälde
von Théo bzw. seiner Schwägerin Johanna van Gogh-Bonger,
und kopierte sie. Mehrere dieser Kopien wurden dann 1916
vom angeblich erblindeten Kritiker Théodore Duret in einem
Bildband als echte Werke des Niederländers ausgegeben.
Heute weiss man dass alte Van Gogh Werkverzeichnisse, wie
etwa der La-Faille-Katalog, von Plagiaten nur so wimmeln. Der
Autor eines relativ jungen Werkverzeichnisses (1996) Jan
Hulsker vermutet daher Absprachen zwischen den van Gogh-
Erben und den Schuffeneckers, um mit den Ablegern der
Originale einen schwunghaften Handel betreiben zu
können. Wenn es um viel Geld geht, werden offenbar auch
Erben von Künstlern schwach.
Kürzlich entlarften auch zwei renommierte Van-Gogh-Kenner,
der Züricher Kunsthändler Walter Feilchenfeldt und der
Mannheimer Kunstkritiker Roland Dorn Werke des
Schuffenecker-Kreises als Fälschungen. Die Authentizität
einiger anderer van Gogh Gemälde wurde angezweifelt. Sein
Selbstportrait mit Pfeife war aber nicht dabei.
Seit dem Bericht der Weltwoche 2014 ist es wieder ruhig
geworden im Blätterwald. Ob das Werk in Zürich seitdem auch
technisch unter die Lupe genommen wurde, ist wahrscheinlich
die Resultate aber öffentlich nicht einsehbar. Bis auf weiteres
stammt das Portrait Van Goghs mit der Pfeife also aus seiner
Hand, und das Kunsthaus Zürich kann beruhigt sein.
Bis zur nächsten Hiobsbotschaft.