Van Gogh - Les Alyscamps (Chûte de feuillus)
sollen gealterte Farben in Gemälden restauriert werden?
Das Bild entstand zu Beginn des kurzen Zusammenlebens von Vincent Van Gogh und
Paul Gauguin im "Gelben Haus" in Arles. Es zeigt eine herbstliche Pappelallee mit
Sarcophagen in der nahe gelegenen Römischen Necropolis Les Alyscamps, die ein
beliebter Promenadeweg war. Das Bild gehört nicht zu den bekanntesten van Goghs,
ist aber insofern von Interesse, als es ein typisches Problem mit seinen Bildern dieser
Zeit aufwirft. In manchen altern die Farben besonders rasch. In Les Alyscamps etwa
verwandelte sich das leuchtende Gelb des Bodens über die Jahre in ein unattraktives
Braun.
Um der Ursache dieses Farbwechsels auf den Grund zu gehen, wurden Proben aus
einer 100 Jahre alten Originaltube mit Ölfarbe unter dem Einfluss intensiver UV-
Bestrahlung gealtert. Das Resultat: Die ursprünglich leuchtend gelbe Ölfarbe
verwandelte sich in ein Schokolade-Braun. Weitere Analysen zeigten dass sich die für
den Gelbton verantwortlichen Chromverbindungen (Bleichromat) zersetzen und in
braunes Chromoxid verwandelten. Dabei zeigte sich auch dass sie umso schneller
zerfallen je höher der Sulfat-Gehalt und je kleiner Gehalt an Chrom-Pigmenten ist. Da
die Zusammensetzung und Grösse der synthetischen Chromgelb-Pigmente im 19.
Jahrhundert stark variierte, zerfallen nicht alle Gelbtöne auf den damaligen Gemälden
im gleichen Ausmass. Auslöser der Veränderungen ist in jedem Fall das Licht,
insbesondere im UV Bereich.
Soweit die Wissenschaft. Jetzt stellt sich die Frage: sollte man dieses - und andere -
Gemälde restaurieren in dem man die braune Farbe entfernt und durch leuchtendes
Gelb ersetzt, so wie es Van Gogh malte? Ist das ethisch vertretbar?
Gegenfrage: Ist es ethisch vertretbar ein Gemälde zu präsentieren, deren Farben
heute nicht mehr jenen entsprechen, die der Künstler für sein Gemälde verwendet
hat? In diesem Fall entfaltet das Werke nicht mehr die Wirkung, die ursprünglich
beabsichtigt war.
Wenn man die Verantwortlichen fragt, bekommt man eine klare Antwort: keine
Restauration, d.h. kein Originalmaterial entfernen und auch keine neue Farbe
aufzutragen, und die Alterung akzeptieren. Ein Konservator sieht seine Hauptaufgabe
darin, den weiteren Farbzerfall zu verhindern, dh zu konservieren. Da die Gemälde
hauptsächlich durch den Lichteinfluß altern, wäre der beste, aber unrealistische
Schutz völlige Dunkelheit. Der zweitbeste besteht in einem Kompromiss: Wenn schon
Licht, dann möglichst wenig unsichtbares, über möglichst kurze Zeit in möglichst
geringer Menge, und vor allem kein UV.
Dazu sollte man noch über die folgene Maßnahme nachdenken: eine Rekonstruktion
mit den ursprünglichen, vom heutigen Original abweichenden Farben neben dem
Gemälde zu projizieren. Dies geschah versuchsweise bei van Goghs legendärem
Schlafzimmer in Arles Gemälde. Die Reaktion des Publikums war durchaus positiv: die
Menschen gaben an besser zu verstehen, welche Wirkung der Künstler mit seiner
Farbwahl beabsichtigte. Also eine gute Lösung, die jedoch ebenfalls Anforderungen an
die Lichtqualität stellt.