Jan Van Eyck - Genter Altar
Das Rätsel des Opferlamms mit den vier Ohren
(Ausschnitt)
Nur wenige Hauptwerke der Europäischen Kunst haben eine so
turbulente Geschichte wie Jan van Eycks Altar in Gent. Geklaut,
verschleppt, versteckt, zerteilt, übermalt, beschädigt und verscherbelt,
bis er schließlich in einem österreichischen Bergwerk landete und dort
nur knapp der Zerstörung entging. Nur Vermeers Malkunst und die
Quadriga vom Markusdom haben eine vergleichbar bewegte
Geschichte und geben ähnlich viele Rätsel auf.
Der monumentale Flügelaltar entstand als Auftragswerk eines
wohlhabenden Genter Kaufmanns in der ersten Hälfte des 15. Jhdts
(1426-1432). Er bestand aus zwölf riesigen, teilweise doppelseitig
bemalten Einzeltafeln, von denen die zentrale Tafel als Hauptthema die
Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes zeigt. Wie
die Tafel im Originalzustand ausgeschaut hat, war bis vor kurzem
ungewiss, denn ein Großteil wurde zu späteren Zeiten übermalt. Sicher
ist nur dass Jan van Eyck ein Meister der Buch- und Feinmalerei war,
und im Altar sein Talent auf die stattliche Grösse von 340 x 440 cm
ausdehnte. Aus heutiger Sicht gilt er als ein wandelndes Teleskop mit
Mikroskop-Aufsatz. Genter Altar geöffnet
Vermeers Malkunst
Quadriga vom Markusdom
Beg60
Der Altar stand zunächst in einer Seitenkapelle der
Domkirche Sankt Bavo (siehe Oskar Laskes Gemälde 1937),
wurde von dort während der Wirren der Religionskriege
einige Male entfernt, und kehrte nach einigen Jahren
wieder an den Ursprungsort zurück. Aus dieser Zeit (ca
1550) stammen vermutlich die Übermalungen,
insbesondere jene des Lammkopfs auf dem Mittelteil,
dessen Ohrenstellung und Gesichtsausdruck signifikant
verändert wurden (vide infra). Dann ging der Altar auf
unfreiwillige Wanderschaft. Der Mittelteil wurde von
Napoleon nach Paris verschleppt, während die Flügeltüren
über einen Schnäppchenjäger nach England und dann in
die Kollektion des preussischen Königs und deutschen
Kaisers Friedrich III. in Berlin wanderten. Dank diverser
Rückholaktionen waren die Tafeln nach dem ersten
Weltkrieg wieder als Hochaltar in der St.-Bavo-Kathedrale
vereint.
Aber nur bis zum zweiten Weltkrieg. Wie erwartet stritten
sich Hitler & Göring um den Altar, bis er von den Nazis
verschleppt und im Salzbergwerk Altaussee versteckt
wurde. Er konnte bei Kriegende zwar in letzter Minute
gerettet werden, hatte aber zwischenzeitlich den
Bergwerkern als Unterlage für ihre Brotzeit gedient, was
seinem Gesamtzustand nicht zuträglich war. Das alles ist in
George Clooneys Film Monuments Men historisch
verbrämt beschrieben.
Domkirche Sankt Bavo, Gent
Oskar Laske - Blick auf die St. Bavo Kathedrale in Gent, 1937
Salzbergwerk Altaussee (1945?) Hitler & Göring
li. George Clooney
Nach seiner Restitution an Belgien wurde es ruhig um den Altar.
Aber nur bis 1951, als während seiner Restauration die erwähnten
Übermalungen entdeckt wurden. Jene des Lammkopfs war
besonders auffällig. Nach dem Abkratzen der obersten Schicht stieß
man auf einen zweiten Lammskopf darunter. Seine Ohren lagen
tiefer, seine Augen waren unnatürlich noch vorne gerichtet und sein
Gesicht zeigte menschliche Züge. Es handelte sich offensichtlich um
die Originalversion van Eycks. So kam es, dass das Lamm Gottes fast
70 Jahre lang (1951-2019) vier statt zwei Ohren hatte.
Zu den Rätseln des Altars. Sie begannen schon bei seiner
Erschaffung. Zwar gilt als gesichert dass er 1432 von Jan van Eyck
fertig gestellt wurde, der Beitrag seines inzwischen verstorbenen
(angeblichen) Bruders Hubert van Eyck ist aber ungewiss. Bei einer
Reinigung des Bildes im 19. Jahrhundert stieß man lediglich auf eine
lateinische Versinschrift auf den unteren Rahmenleisten der
Flügelaußenseiten, welche die Koautorenschaft Huberts und das
Entstehungsjahr durch ein Chronogramm zu belegen scheint, in der
Zwischenzeit gibt es jedoch Zweifel ob Jan und Hubert tatsächlich
Brüder waren. Jan lebte im damals flämischen Ryssel (Lille) am Hof
des Burgunderherzogs Philipp III. dem Guten (verewigt in Innsbruck)
, und später in Brügge, während Hubert in Gent lebte. Die Inschrift
könnte also in Gent aus Lokalpatriotismus später hinzugefügt
worden sein, denn die Stadt stand mit Brügge in heftiger
Konkurrenz. Philipp III. (Burgund)
Chronogramm 1432
Lamm mit 4 Ohren Van Dycks Lamm
Burgunderherzöge Philipp der
Gute und Karl der Kühne in der
Hofkirche zu Innsbruck
Das größte ungelöste Rätsel des Altars ist aber die Übermalung des
Lamms. Wann fand sie statt, wer führte sie durch bzw. gab den Auftrag,
und warum wurde der Gesichtsausdruck des Lamms "entmenschlicht"?
Die nunmehr frei gelegte Originalversion mit dem durchdringenden Blick
und den Shrek-Ohren stoßen ja nicht nur auf Begeisterung. Restauratoren
werden verspottet und als unfähig bezeichnet, das Kunstwerk sei durch
sie verdorben worden etc. Manche unterstellen sogar Van Eyck
Unfähigkeit Tiere zu malen.
Welch Frevel! Van Eyck ist bekannt dafür, unglaublich präzis und
naturgetreu gemalt zu haben. Man sieht dies am virtuosen Hintergrund
des Mittelteils mit seinen Sträuchern und Gebäuden, und an der
Blumenkrone mit den geschliffenen Kristallen der Engelsbrosche, in der
sich ein Fenster der Kathedrale spiegelt. Getreu aber makaber ist auch die
Darstellung des Kelchs, in den das Blut des Lamms spritzt, und die Zange
des Hl. Livinus mit der blutenden Zunge, die ihm aus dem Mund gerissen
wurde (wenigstens nicht dem Hund gegeben wie in Rubens «Livinus von
Gent). Peinlich genau auch die Darstellung der Schamhaare von Adam
und Eva, was angeblich ein Stirnrunzeln des Habsburger-Kaisers Joseph II.
hervorrief, und zu einer zeitweisen Entfernung der beiden Tafeln führte*
Es wäre also überraschend, wenn Van Eyck dem Lamm die
«menschlichen» Züge nicht absichtlich verliehen hätte. Man muss ja nicht
Bibelfest sein, um selbst zu erkennen dass das Lamm Jesus Christus
symbolisiert, und die gesamte Szene der Mitteltafel die Seelenrettung der
Menschheit gemäss Johannes-Evangelium.
*Es stellt sich die Frage ob man sich beim Studium derartiger Details heute nicht besser aufs
Internet verlässt als auf den Besuch von Museen, in denen man sowieso nicht nahe genug an die
Gemälde herangelassen wird (siehe auch Brueghels Turm von Babel)
vor der Restauration nach der Restauration
Engelsbrosche
Adam & Eva
Hl. Livinus mit herausgerissener Zunge
Kelch
Rubens
Auch war Jan van Eyck keineswegs der erste der einem Lamm menschliche
Züge verlieh. Wenn man die Lämmerfriese in den Kirchen Roms (etwa der
Basilika Santa Maria in Trastevere) näher betrachtet, findet man unter der
12-köpfigen Herde unschwer das vermenschlichte "Oberlamm". Auffallend
bei van Eycks Darstellung sind jedoch die expressiven Augen des Lamms
die den Betrachter quasi fixieren.
Zur Frage des Zeitpunkts und der Urheberschaft der Übermalung: sie wird
im allgemeinen in die 1550er Jahre datiert, und den Malern Lancelot
Blondeel und Jan van Scorel zugeschrieben. Wenn man aber die
historischen Schriften näher studiert, wird dort nur von "Ausbesserungen",
insbesondere des beschädigten Mittelteils, gesprochen. Das Lamm selbst
wird nicht erwähnt. Wurde es erst später übermalt?
Bleibt noch die letzte Frage: warum wurde Van Eycks Lamm überhaupt
übermalt? Antworten darauf gibt es viele, am wahrscheinlichsten erscheint
aber ein Zusammenhang mit den damaligen Glaubenskriegen. Das
katholische Gent war Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen bevor
es 1574 eine calvinistische Stadtrepublik wurde. Zwar überlebte der Altar
den Bildersturm von 1566 und wurde zwischenzeitlich ins Genter Rasthaus
ausgelagert, es ist aber durchaus möglich dass die Übermalung des Lamms
von den Calvinisten angeordnet wurde. Diese waren ja bei der
Durchsetzung ihrer moralischen Vorstellungen nicht gerade zimperlich, wie
die Hinrichtung von fünf Mönchen 1578 wegen angeblicher Sodomie zeigt.
Bei den Verantwortlichen in Gent stößt diese Interpretation auf wenig
Gegenliebe, wie eine Anfrage meinerseits zeigt. Meine Gegenfrage an sie
lautet what else ? (um bei George Clooney zu bleiben ;-)
KY Feb. 2020
Apsis der Basilika S. Maria in Trastevere 13/14 Jhdt.
Detail
Van Eycks Lamm
Hinrichtung von 5 Mönchen wegen
“Sodomie” im Calvinistischem Gent 1578