Das größte ungelöste Rätsel des Altars ist aber die Übermalung des
Lamms. Wann fand sie statt, wer führte sie durch bzw. gab den Auftrag,
und warum wurde der Gesichtsausdruck des Lamms "entmenschlicht"?
Die nunmehr frei gelegte Originalversion mit dem durchdringenden Blick
und den Shrek-Ohren stoßen ja nicht nur auf Begeisterung. Restauratoren
werden verspottet und als unfähig bezeichnet, das Kunstwerk sei durch
sie verdorben worden etc. Manche unterstellen sogar Van Eyck
Unfähigkeit Tiere zu malen.
Welch Frevel! Van Eyck ist bekannt dafür, unglaublich präzis und
naturgetreu gemalt zu haben. Man sieht dies am virtuosen Hintergrund
des Mittelteils mit seinen Sträuchern und Gebäuden, und an der
Blumenkrone mit den geschliffenen Kristallen der Engelsbrosche, in der
sich ein Fenster der Kathedrale spiegelt. Getreu aber makaber ist auch die
Darstellung des Kelchs, in den das Blut des Lamms spritzt, und die Zange
des Hl. Livinus mit der blutenden Zunge, die ihm aus dem Mund gerissen
wurde (wenigstens nicht dem Hund gegeben wie in Rubens «Livinus von
Gent). Peinlich genau auch die Darstellung der Schamhaare von Adam
und Eva, was angeblich ein Stirnrunzeln des Habsburger-Kaisers Joseph II.
hervorrief, und zu einer zeitweisen Entfernung der beiden Tafeln führte*
Es wäre also überraschend, wenn Van Eyck dem Lamm die
«menschlichen» Züge nicht absichtlich verliehen hätte. Man muss ja nicht
Bibelfest sein, um selbst zu erkennen dass das Lamm Jesus Christus
symbolisiert, und die gesamte Szene der Mitteltafel die Seelenrettung der
Menschheit gemäss Johannes-Evangelium.
*Es stellt sich die Frage ob man sich beim Studium derartiger Details heute nicht besser aufs
Internet verlässt als auf den Besuch von Museen, in denen man sowieso nicht nahe genug an die
Gemälde herangelassen wird (siehe auch Brueghels Turm von Babel)
vor der Restauration nach der Restauration
Engelsbrosche
Adam & Eva
Hl. Livinus mit herausgerissener Zunge
Kelch
Rubens