Paul Signac - Voilier à quai, Port-en-Bessin
Verschleppte Restitution? Es ist nicht immer leicht die rechtmäßigen Erben zu finden
Eigentlich hätte das Gemälde des 20-jährigen Paul Signac nie in
Wien sein sollen. Es hing bis vor kurzem im Musikverein, denn es
wurde 1940 den Wiener Philharmoniker aus Dank dafür
überreicht, im Osten des damals besetzten Frankreichs (Salin-les-
Bains, Dijon, Besançon) drei Konzerte gegeben zu haben.
Übergeber war der aus Wien gebürtige Roman Loos in seiner
Funktion als Direktor der dortigen geheimen Feldpolizei. Erst
nach dem Krieg stellte sich heraus dass das Gemälde aus einer
Enteignung stammt, und als Raubkunst gilt. Besitzer war der
politisch aktive Journalist Marcel Koch, den die Nazis als
Hetzpropagandisten verfolgten und enteigneten. Nach dem Krieg
bemühte sich dieser vergeblich um die Auffindung seines Bildes,
das von den französischen Behörden schließlich als gestohlen
registriert wurde. Koch verstarb 1999 kinderlos.
All dies war Clemens Hellsberg, damaliger Leiter des Archivs und
jetziger Vorstand der Wiener Philharmoniker, seit 1987 bekannt,
nachdem er auf einen brisanten Fund gestoßen war: einen Brief, der
Hinweise zu einem enteigneten Gemälde im Besitz der
Philharmoniker enthielt. Im Zuge der Provenienz-Forschung konnten
zwar die Namen von fünf Erben ausfindig gemacht werden, diese
schienen aber "auf die Kontaktaufnahme nicht reagiert" zu haben,
und daher sei "der Kontakt nach einer ersten Antwort wieder
abgebrochen".
Erst als die Wiener Philharmoniker die Bearbeitung des Falls an die
französische Kommission für Entschädigungen der Opfer von
Enteignungen übergaben, lichteten sich die Nebel. Die im
Zuständigkeitsbereich des französischen Premiers stehende
Kommission schloss 2016 ihre Arbeiten ab. Die rechtmäßigen Erben
hatten sich gemeldet, sodass der Restitution nichts mehr im Wege
stand. Ein dunkler Flecken der Philharmoniker weniger. Seit dem
Zeitpunkt der Entdeckung des Briefes (1987) und der Restitution
(2017?) waren immerhin 30 Jahre verstrichen und es lag der Vorwurf
einer verschleppten Restitution in der Luft.
Fazit: es ist nicht immer leicht rechtmässige Erben zu finden. Das
Gemälde wurde inzwischen vermutlich versteigert (Schätzwert 900
000 €) und der Erlös den Erben zugeführt.