Egon Schiele - Vier Bäume/Herbstallee
Ein 30 Mio € Gemälde sucht seine Erben
Schieles prachtvolle Landschaftsgemälde aus dem Jahre 1917 zeigt vier
Kastanienbäume in herbstlichem Gewand vor tiefem Abendrot. Die Reihung
der Bäume erinnert entfernt an Ferdinand Hodlers Bild "Herbstlandschaft
bei Solothurn (um 1898)", das Schiele vermutlich kannte. Es kam 1943 in
den Bestand des Belvedere, das es von der Wiener Galerie L.T. Neumann für
8000 Reichsmark angekauft hatte. Im Zuge einer systematischen
Erforschung der Bestände wurde 60 Jahre später (2003) festgestellt, dass es
- wie viele andere Bilder - vor dem Ankauf eine mehrjährige
Provenienzlücke aufwies. Bei den Nachforschungen des damit beauftragten
Kunstrückgabebeirats kam - wie so oft - eine traurige Geschichte zu Tage.
Bis 1938 war das Bild im Besitz von Josef Morgenstern, der im Wiener
Bankgeschäft sowie in der Stahl- und Röhrenbranche tätig und zu einigem
Vermögen gelangt war. Nach dem Anschluss verlor er seine Anstellung,
flüchtete, wurde dabei entdeckt, deportiert und in Auschwitz ermordet.
Sein einzige Bruder und alle drei Schwestern seiner Frau Alice wurden
ebenfalls Opfer der Shoah. Seine Frau überlebte als "U-Boot" in Brüssel. Das
Paar war kinderlos geblieben. Über den Verbleib des Wohnungseigentums
in Wien und des Bildes war nichts bekannt.
Hodler 1898
Nach dem Krieg erkannte Alice zu ihrer Überraschung das Bild in einer
Ausstellung und erfuhr, dass es im Belvedere hängt. Als sie 1959/60 einen
Antrag auf Entschädigung ihres Wohnungseigentums und des Bildes nach
dem Kriegs- und Verfolgungssachschäden-Gesetz stellte, erfuhren die
österr. Behörden erstmals nähere Details, etwa dass ihr Mann und sie das
Gemälde und andere Wertgegenstände vor ihrer Flucht einem
befreundeten Rechtsanwalt in Wien zur Verwahrung übergeben hatten,
und dass dieser 1952 verstarb. Ihr Antrag wurde zwar positiv beschieden,
sie erhielt für die Wohnungsenteignung aber nur eine lächerliche
Entschädigung von 10 000 ATS, nicht aber für ihr Bild.
Alice verstarb in Brüssel völlig verarmt 1970.
Warum der Kunstrückgabebeirat erst 17 Jahre später (2019) über die
vermutete Entziehung des Bildes einen Entschluss fassen konnte, hatte
einen simplen Grund: eine Entziehung in der NS-Zeit war nicht
zweifelsfrei belegbar. Es fehlten zum Puzzle noch Fotos des Interieurs von
Morgensterns Wohnung. Solche tauchten 2018 auf, zwar undatiert, aber
es war auf ihnen klar ersichtlich dass Schieles Gemälde im einstigen
Musikzimmers berm Kamin angebracht war. Dass sich das Gemälde auch
nach dem Anschluss 1938 in der Wiener Wohnung der Morgensterns
befand, hatten bereits Zeugenaussagen bestätigt, die Alice ergänzend zu
ihrem Entschädigungsantrag 1960 vorgelegt hatte.
Auf Grund dieses Bilds konnte der Beirat 2019 endlich seine
Empfehlung abgeben. Er sah es erwiesen an, dass der Verkauf des
Bildes im Jahr 1943 über die Wiener Galerie L.T. Neumann an die
Österreichischen Galerie von besagtem Rechtsanwalt in Auftrag
gegeben wurde. Der Beirat beurteilte diese Verfügung als "nichtige
Rechtshandlung" und empfahl die Rückgabe.
Das auf 30 Millionen Euro Wert geschätzte Bild konnte jetzt an die
Erben nach Josef Morgenstern zurückgegeben werden. Wer aber sind
die Erben bzw. Rechtsnachfolger, und wo leben sie? Es musste mit der
Suche nach ihnen begonnen werden. "Dies wird in der nächsten Zeit
passieren." meinte 2019 der zuständige Minister. Nach einem Jahr
scheint noch nicht viel passiert zu sein. Das Bild erscheint derzeit
(2021) noch immer im Bestand des Belvedere.
https://www.belvedere.at/egon-schiele-1