Egon Schiele - Stadt am blauen Fluss
Wie man Provenienzforschung mit Füssen tritt
Die Stadt am blauen Fluss heisst Ceský Krumlov (Krumau) und der
Fluss Vltava (Moldau). Schiele kam oft in die Heimatstadt seiner
Mutter, um dort zu malen. Das Aquarell schuf er als 20-Jähriger
noch vor der "Tote Stadt" (1911). Es zeigt eine Ansicht am
östlichen Stadtrand, im expressionistischen Stil. Offenbar ist die
Moldau dort genauso wenig blau wie die Donau in Wien.
Auch dieses Gemälde gehörte dem Wiener Kabarettisten Fritz
Grünbaum, der 1938 nach Dachau deportiert wurde, und dort
1941 umkam. Die Bilder gingen an seine Frau Elisabeth, die kurz
darauf (1942) ihrerseits deportiert und in Maly Trostinec ermordet
wurde. Deren Schwester Mathilde, verehelichte Lukacs, die 1938
nach Belgien emigrierte, reiste nach dem Krieg mehrmals nach
Wien. Ob erbberechtigt oder nicht, sie nahm wesentliche Teile der
Sammlung an sich. Von Mai 1952 bis Herbst 1956 verkaufte sie
beispielsweise 72 Werke Schieles an einen Kunsthändler in Bern,
darunter die Tote Stadt III und dieses Aquarell.
Tote Stadt
Das Bild kam 2014 zur Versteigerung. Dabei fiel auf, dass das
Auktionshaus Christie's die bisherigen Erkenntnisse der
Provenienzforscher zu diesem Bild ignorierte, indem sie nicht alle
Vorbesitzer erwähnte, insbesondere nicht Mathilde Lukacs die die
Bilder an sich nahm. Im Provenienznachweis blieb somit eine zeitliche
Lücke von 1938 (Wien) bis 1956 (Bern), was bei Auktionen derartiger
Gemälde völlig ungewöhnlich ist. Warum?
Über das Motiv dieser Unterlassung kann man nur spekulieren. Ein
Grund könnte in der Durchsetzung von Besitzansprüchen der Erben
nach Grünberg zu suchen sein. Diese hatten sich offenbar schon vor
der Versteigerung mit dem Verkäufer (und damit Christie's)
dahingehend geeinigt was unter Provenance und im Begleittext stehen
soll:
The present work is being offered for sale pursuant to a settlement
agreement between the consignor and the Grünbaum Heirs. This
resolves any dispute over ownership of the work and title will pass to
the buyer.
Und was daran wäre verwerflich? Nichts, außer dass in dieser
international gut durchleuchteten Causa bislang kein Beleg für eine
Entziehung oder Beschlagnahme gefunden wurde, weder in Akten der
Gestapo noch in jenen der Vugesta, vielmehr dürfte die Sammlung im
Verfügungsbereich der Familie geblieben sein.
Beim vorliegenden Aquarell handelt es sich also nicht um Raubkunst.
Trotzdem schienen die Erben nach Grünberg Argumente zu Gunsten
von Raubkunst zu haben, um ihre Ansprüche eventuell auch
gerichtlich durchsetzen zu können. Dies mag zu einer Verunsicherung
geführt haben, die sowohl der Verkäufer als auch das Auktionshaus
aus dem Wege räumen wollte.
Das Resultat der Auktion gab ihnen Recht, denn der Verkauf des
Aquarells brachte fast 3 Mio $ ein, anstatt der geschätzten 1,2 Mio $.
Was blieb, war ein "collateral damage" der Sonderklasse: mit der
Entscheidung das Resultat der Provenienzforschung zu ignorieren und
eventuellen Gerichtsverhandlungen aus dem Weg zu gehen, hat
Christie's sämtliche Werke aus der Sammlung Grünbaum zu
Raubkunst degradiert. Es kam, wie es kommen musste: 2018 sprach
ein Gericht in New York den Erben nach Grünberg zwei andere
Schiele Aquarelle mit dem Hinweis zu, die Bilder wären "entzogen"
worden und damit als Raubkunst zu werten, darunter „Frau das
Gesicht verbergend. Ob der "Entzug" möglicherweise innerfamiliär
geschah, spielte keine Rolle.
Bleibt als übler Nachgeschmack die Tatsache dass die
Provenienzforschung wiederum mit Füssen getreten wurde, und dass
die bloße Androhung einer Gerichtsprozedur schon zu Geld gemacht
werden kann.
Frau das Gesicht verbergend