Egon Schiele - Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen
Gefangener seiner erotischen Kunst
Schieles Akt steht stellvertetend für mehrere ähnliche Werke aus
seiner Hand. Allen gemeinsam ist, dass sie ihm einen zweifelhaften
Ruf einbrachten, wie etwa Sitzender weiblicher Akt mit
aufgestützten Ellbogen’ und ”Sitzende Frau mit hochgeschobenem
Kleid, beide aus dem Jahre 1914 und ebenfalls im Bestand der
Albertina. Schiele lag nie etwas an der Darstellung von Schönheit.
Die nackten Menschen, die er bevorzugt malte und zeichnete,
erscheinen allesamt als gequälte Existenzen. Das war er vermutlich
selbst auch. Seine Werke handeln mehr vom Leid als von der Lust,
und vom quälenden Trieb und der Vergänglichkeit des Körpers.
Ablehnung und Misstrauen begegneten Schiele schon als junger
Maler. Im Jahr 1912 wurde ihm sogar vorgeworfen, ein Mädchen
entführt und vergewaltigt zu haben. Diese sogenannte
Neulengbach-Affäre traf ihn völlig unvorbereitet. Die dreizehnjährige
Tatjana Georgette von Mossig (1898 1951) hatte ihm Modell
gestanden, bzw. gelegen, u.a. für "Liegender Akt mit schwarzen
Strümpfen. Dies blieb nicht unbekannt, denn Schiele wurde in der
Folge wegen Entführung und Missbrauch einer Minderjährigen
inhaftiert.
1914 1914
Obwohl sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen, wurde er dennoch
verurteilt. Man fand bei der Durchsuchung seiner Wohnung im
Schlafzimmer ein an die Wand gepinnte Blatt, das den Zorn des
Richters auf sich zog. Während des Prozesses verbrannte dieser das
Bild kurzerhand im Gerichtssaal. Schiele musste schließlich nicht
wegen des nicht nachweisbaren Kindesmissbrauchs, sondern wegen
Benutzung von minderjährigen Modellen“ und “Verbreitung
unsittlicher Zeichnungen” für 24 Tagen ins Gefängnis von
Neulengbach. Schon damals eine harte Strafe.
Bezeichnenderweise fertigte Schiele während seiner Inhaftierung
dreizehn weitere aquarellierte Zeichnungen an. Sein Lieblingsmodell
und Lebensgefährtin Wally Neuzil brachte ihm Bleistift und
Aquarellfarben in die Haft. Von diesen „Gefängniszeichnungen
besitzt die Albertina in Wien weitere zehn Blätter, auf denen seine
Gefängniszelle in Neulengbach, der Gang mit Besen und
Waschtrögen, die verschlossene Gefängnistür mit Blick auf Bäumen,
Sessel, Taschentücher und schlussendlich er selbst dargestellt sind.
Er betitelte die Blätter mit Botschaften wie: „Den Künstler hemmen
ist ein Verbrechen, es heisst keimendes Leben morden!“ (23.4.1912),
Gefangener!“ (24.4.2912),Ich werde für die Kunst und meine
Geliebte ausharren“ (25.4.1912), und Mein Wandelweg führt über
Abgründe“ (1912).
Liegender Akt mit
schwarzen Strümpfen
1911
Das künstlerische Schaffen Schieles blieb auch später ganz unter dem
Eindruck eines Gefangenen, der für seine Kunst und seine Geliebte
über Abgründe wandelt. Für den mit nur 28 Jahren verstorbene
Künstler war der Akt die größte Quelle der Inspiration. Er war im
gewissen Sinne Gefangener seiner eigenen erotischen Kunst. Seine
Zeichnungen zählen heute zu den Ikonen der erotischen Kunst. In der
europäischen Kunstgeschichte gab es zwar immer wieder erotische
Darstellungen, sie waren aber für den privaten Bereich gedacht. Erst im
beginnenden 20. Jahrhundert wurden solche Bilder öffentlich gezeigt,
was zunächst wie im Fall Schieles auf große Empörung stieß. Seine
Darstellungen der zentralen Bereiche unseres Lebens, Erotik, Sexualität
und Tod, wurden im damaligen Wien abgelehnt, obwohl er neben
seinen ungeschönten Aktdarstellungen auch psychologisch
einfühlsame Bildnisse schuf, in denen er das innerste Wesen der
Porträtierten ergründete. Dabei erzählen diese Zeichnungen mehr vom
Leid als von der Lust, und vom quälenden Trieb und von der
Vergänglichkeit des Körpers.
Nicht nur in "Liegender weiblicher Akt mit gespreizten Beinen" erzählt
uns Schiele von seinen sexuellen Träumen und erotischen Phantasien.
Auch von “Liegender Akt mit schwarzen Strümpfen” gibt es mehrere
Ausfertigungen. Er malte eine Unzahl weiterer Akte, die heute großes
Kaufinteresse wecken. Manche davon sind im Bestand angesehener
Museen, wie etwa dem Met in NY, werden aber nicht ausgestellt.
Gefangene ihrer eigenen Moralvorstellung?
Liegender Akt mit
schwarzen Strümpfen
1913
1911