Rodin - La porte de l’enfer
Öffentlicher Kunst regt zum Nachdenken an
La Porte de l'Enfer, bronze,
Kunsthaus Zurich
Die Monumentalskulptur Das Höllentor wurde 1879 vom
französischen Staat als Prachtportal für den geplanten
Neubau des Musée des Arts Décoratifs in Paris in Auftrag
gegeben. Es gilt als die wichtigste Arbeit Rodins, war es
doch Ausgangspunkt für eine Reihe anderer individueller
Skulpturen die Rodin berühmt machten, darunter der
Denker, den man im Tympanon deutlich erkennt, und der
den Renaissancedichter Dante Alighieri darstellen soll.
Dessen Göttliche Komödie hatte bereits vorher andere
bildende Künstler inspiriert, darunter Lorenzo Ghiberti zu
dessen Paradiespforte am Baptisterium des Doms von
Florenz.
Dantes Göttlicher Komödie inspirierte auch Rodin. Dabei
ging dieser aber weder auf den zweiten Teil, dem
Purgatorio, noch auf den dritten Teil, dem „Paradiso,
ein, sondern beschränkte sich auf den ersten Teil, das
„Inferno“.
Paradiespforte Dom Florenz
Hölle
Und das aus gutem Grund. Im Gegensatz zur Dantes Vision, die
noch dem christlichem Erlösungshorizont verpflichtet war, in dem
alles, was ist, seinen festen Grund in einer göttlichen Schöpfungs-
und Heilsordnung findet, hat Rodins Vision der säkularen Moderne
ihre wegweisende Kraft verloren. Das Denken muss ohne sinn- und
heilsgewisse Aussichten auskommen, und das Ungewisse,
Fragwürdige und Abgründige in allen Schattierungen akzeptieren.
Dies drückt Rodin in der Figur des „Denkers“ aus, der über dem Tor
seinen sinnenden Blick auf das haltlose Fallen der Menschen
richtet. Menschen, die vom ersten Tag ihrer Geburt an ins Dasein
stürzen, die Bahn ihres Lebens so oder so durchlaufen und es in
unterschiedlichen Fallhöhen oder -tiefen beenden. Insgesamt 186
Figuren sind es die mit mit der Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit
des Todes ringen.
Für Rodin bleibt also das Leben ohne Antwort auf sein „Wozu“ –
eine quälende Frage, ja ein Mysterium. In einem Gespräch über
Religion und Kunst erklärte er: Religion ist das Gefühl für alles, was
in der Welt unerklärt und zweifellos auch unerklärlich ist. Sie ist die
dunkle Ahnung all dessen, was weder unser leibliches noch
geistiges Auge erschauen kann. So dringen alle Meister bis zu der
verschlossenen Pforte vor, die ins Unergründliche führt.“ Rodins
Höllentor bleibt also geschlossen.
Im Frühsommer 1900 präsentiert der inzwischen 60-jährige
Bildhauer der Öffentlichkeit eine erste Gipsfassung. Anatole
France schrieb darüber: Und voller Anteilnahme entdecke
ich, dass die Hölle Rodins nicht mehr die Hölle der Rache ist,
sondern eine Hölle des Zartgefühls und des Erbarmens.
Welch schönen Worte.
Rodins Gipsassungen befinden sich heute im Pariser Rodin-
und Orsay Museum. Wie bei fast allen in Bronze gegossen
Skulpturen wurden davon mehrere Abgüsse gemacht, und
zwar alle posthum, denn Rodin starb 1917. Bekannt sind
jene in den Rodin Museen von Paris und Philadelphia, der
Universität Stanford, in Tokyo, Seoul und.... vor dem
Kunsthaus in Zürich.
Letztere wurde am Eingang platziert, kann also von den
Passanten frei bewundert werden. Ein schlagendes Beispiel
dafür, wie öffentliche Kunst zum Denken anregen kann.
La Porte de l'Enfer, plâtre,
Musée Rodin Meudon
Orsay