Hölle
Und das aus gutem Grund. Im Gegensatz zur Dantes Vision, die
noch dem christlichem Erlösungshorizont verpflichtet war, in dem
alles, was ist, seinen festen Grund in einer göttlichen Schöpfungs-
und Heilsordnung findet, hat Rodins Vision der säkularen Moderne
ihre wegweisende Kraft verloren. Das Denken muss ohne sinn- und
heilsgewisse Aussichten auskommen, und das Ungewisse,
Fragwürdige und Abgründige in allen Schattierungen akzeptieren.
Dies drückt Rodin in der Figur des „Denkers“ aus, der über dem Tor
seinen sinnenden Blick auf das haltlose Fallen der Menschen
richtet. Menschen, die vom ersten Tag ihrer Geburt an ins Dasein
stürzen, die Bahn ihres Lebens so oder so durchlaufen und es in
unterschiedlichen Fallhöhen oder -tiefen beenden. Insgesamt 186
Figuren sind es die mit mit der Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit
des Todes ringen.
Für Rodin bleibt also das Leben – ohne Antwort auf sein „Wozu“ –
eine quälende Frage, ja ein Mysterium. In einem Gespräch über
Religion und Kunst erklärte er: „Religion ist das Gefühl für alles, was
in der Welt unerklärt und zweifellos auch unerklärlich ist. Sie ist die
dunkle Ahnung all dessen, was weder unser leibliches noch
geistiges Auge erschauen kann. So dringen alle Meister bis zu der
verschlossenen Pforte vor, die ins Unergründliche führt.“ Rodins
Höllentor bleibt also geschlossen.