Pablo Picasso - Le Rêve
Da hat man schon kein Glück, und dann kommt Pech auch noch dazu !
Das Ölgemälde aus dem Jahr 1932 stellt Picassos Geliebte Marie-Thérèse
Walter dar. Er hatte die 17-Jährige Jahre zuvor in den Strassen von Paris
kennen gelernt, und malte sie eines schönen Nachmittags in seinem Studio
im "Schloss" Boisgeloup nahe Gisors. Dort entstanden nicht nur an die 150
Skulpturen, viele Marie-Thérèse darstellend, darunter "Buste de femme",
sondern auch zahlreiche Gemälde wie dieses, und Stiche (Vollard Serie). Er
hatte das Schloss 1930 für sich als künstlerisches Refugium gekauft. Seine
Frau Olga, von der er ab 1935 getrennt lebte, wohnte darin mit deren Sohn
Paolo (1921-1975) während der Jahre 1930-35 offiziell, und dann noch
während des Kriegs inoffiziell. Das Schloss ist heute im Besitz seines Enkels
Bernard Picasso und kann zu gewissen Zeiten besucht werden.
Das Gemälde ist - ähnlich wie die 1931 entstandene "Buste de femme" - ein
erotisch hoch aufgeladenes Kunstwerk. Wir sehen eine Frau (Marie-
Thérèse), die mit zur Seite gelegtem Kopfe schlafend, träumend wie man
mit Blick auf den Titel des Bildes sagen darf in einem Sessel sitzt, wobei
die herabgerutschten Träger des weißen Kleides den Blick auf ihre linke
Brust frei geben. Es gibt zwar Betrachter, die auf dem Gemälde sonst nichts
anderes sehen, aber es ist mittlerweile offenbar dass „das träumend
geschlossene Auge der Frau“ nicht nur als Auge gesehen werden soll,
sondern zugleich als Geschlechtsteil des Mannes (Picasso).
Buste de femme
Ein ehemaliger Besitzer des Bildes (Steve Wynn) witzelte, es könnte ein
Wunschdenken” des Malers (und der Käufer dieses Bildes danach)
gewesen sein. Auch die im Schoss gefaltenen Hände fallen in die Kategorie
versteckte Sexualität.
Das Gemälde hat eine abwechslungsreiche Besitzerchronik: Erste Besitzer
waren die Picasso Sammler Victor und Sally Ganz, die es 1941 für ganze
7000 Dollar erwarben (sie kauften nebenbei auch 12 Versionen des
Picasso-Gemäldes "Les femmes d'Alger", darunter die ominöse Version
"O"). Einige ihrer Besucher goutierten ihre Vorliebe für das Bild nicht und
bestanden darauf, mit dem Rücken zu "Le Rêve" zu sitzen, wenn sie zum
Essen eingeladen waren. Nach dem Tod der Ganz gelangte das Bild 1997
bei Christie’s (New York) zur Auktion, wo es der Skandal-umwitterte
österreichische Banker Wolfgang Flöttl (Bawag Skandal) für 48 Mio $
ersteigerte. Er musste es allerdings unter finanziellem Druck schon 2001
wieder an den Casino-Mogul Steven Wynn abgeben, diesmal für geschätzte
70 Mio. Dieser reichte es 2013 für 155 Mio $ an den Hedge-Fonds-
Milliardär Steven A. Cohen weiter.
Davor kam es aber noch zu einem skurrilen Zwischenfall. Als Wynn 2006
das Gemälde einigen guten Freunden in Las Vegas zeigte, stiess er mit
seinem Ellbogen einen 15 cm langen Riss im linken Unterarm der Figur
(angeblich wegen eye impairment “Retinitis pigmentosa”). Er hatte seinen
Gästen gerade erzählt, dass er sich mit Steven Cohen auf einen Kaufpreis
von 139 Mio $ geeinigt hätte und - ratsch - war der Deal futsch.
Le Rêve“ wurde zwar für 90.000 Dollar restauriert, aber nach dem Schaden
auf nur noch 85 Millionen Dollar geschätzt. Im Angesicht des Wertverlusts
verlangte Wynn von seiner Versicherung Lloyd's of London den
Differenzbetrag von 54 Millionen Dollar, und als er die nicht bekam, klagte
er. 2007 einigte man sich außergerichtlich auf eine Zahlung von wohl rund
40 Mio $.
Alles in allem, ein Gemälde finanzieller Superlative. Zunächst eine
Wertschaffung von 155 Mio in einem Nachmittag, dann ein
sekundenschneller Wertverlust von 40 Mio durch eine ungeschickte
Ellbogenbewegung, und zuletzt noch ein Besitzer der sogar aus der
Beschädigung des Bildes noch ein gutes Geschäft machte.
Picasso würde sich freuen und vor Lachen den Bauch halten.
KY März 2021