Picasso - Kopf (Selbstporträt) 30 Juin 1972 - info
Die Kreidezeichnung „Kopf (Selbstportrait), 30. Juni 1972“ lässt tief
blicken: Weit aufgerissene Augen starren uns an. Die wuchtige Nase teilt
das Gesicht, der Mund ist zu zwei Strichen zusammengepresst. Falten
unter den Augen, an der Stirn und im Wangenbereich wirken wie
eingemeißelt. Am meisten irritiert aber der starre Blick aus den
ungleichen Augen. Dürfen wir in ihm Hoffnungslosigkeit oder gar Angst
lesen? Das Auge ist dem Maler alles: wichtigstes Sinnesorgan und
ausdrucksstarkes Motiv. Es ist in der Lage, wortlos zu sprechen, gilt seit
der Antike als „Seelenfenster“. Zudem erschließen die Augen der
Betrachter_innen die Malerei, indem sie über die Oberfläche der Bilder
tasten. Ein Vergleich mit einer nahezu zeitgleichen Portraitaufnahme zeigt
die Schonungslosigkeit, die Picasso seinem Selbstportrait hat angedeihen
lassen: eingefallene Wangen, das von Falten tief zerfurchte Gesicht, der
schmale Mund, die Betonung der „Denkerfalte“ zwischen den
Augenbrauen finden sich auch in der Fotografie –nicht jedoch die großen
Augen, die die Papierarbeit so beseelt erscheinen lassen. Sie bleiben
geheimnisvoll.
https://assets.moma.org/documents/moma_catalogue_283_300330229.
pdf