Josef Petzl Griechische Landschaft
Sehr stimmungsvoll, aber wo wurde sie gemalt?
Die Petzls und Yvons sind blutsverwandt. Auslöser der Versippung war meine
Großmutter väterlicherseits, Kunigunde Richter s’Kunerl») als sie 1911 in der
Münchner Pension ihrer Eltern dem Charme des französischen Offiziers Paul Yvon erlag.
Kunerls Mutter Meta war eine geborene Petzl. Paul Yvon war vom französischen Staat
nach München geschickt worden, um deutsch zu lernen. Die Beziehungen zwischen dem
republikanischen Frankreich und dem Königreich Bayern waren halt damals besser als
jene mit dem Königreich Preussen. Meine Urgroßmutter Meta tat das ihre sie zu fördern.
Paul Yvon wurde später mein Großvater.
Joseph und und sein 16 Jahre jüngerer Bruder Ferdinand waren Kunstmaler, etwa
zeitgleich mit Carl Spitzweg und Wilhelm Heinrich Füssli, die ebenfalls in München
hausten. Nicht verwunderlich dass ihre Bilder heute über St Leonhard, Bernex, Wien,
Zwettl und Gansbach verstreut sind. Dazu gehört auch Josephs stimmungsvolle
Griechische Landschaft.
Ein kurzer Abriss zur Entstehungsgeschichte des Bildes: Nachdem sich Griechenland
1827 mithilfe von Frankreich, Russland und Großbritannien von der osmanischen
Herrschaft befreit hatte, und die Signatarmächte das Land 1832 aus Angst vor einem
Machtvakuum zum Königreich erhoben, wurde der damals noch minderjährige
Wittelsbacher Bayern-Prinz Otto (1815-1867) als erster König Griechenlands eingesetzt.
So erging es damals kleinen Ländern als Spielball der Großmächte. Dem jetzigen
Schulden- und Migrantengeschüttelten Griechenland geht es in der EU nicht viel besser.
Joseph Petzl 1861 (W.H. Füssli)
Ferdinand Petzl 1842
Kunigunde & Paul 1911
So kam es, daß Joseph Petzl - mit anderen Kunstschaffenden,
etwa Hofmaler Peter von Heß - nach Griechenland pilgerte,
um nach dem damaligen pompösen Sprachgebrauch das zur
vollen Freiheit erwachte Leben eines edlen Volkes in den ersten
Freudentagen zu schauen“.
Über Rom und Neapel ging es übers Meer in die Bucht von
Argos des Peloponnes, wo er am 6. Februar 1833 Zeuge der
Landung Ottos in Nauplia (heute Nafplio) wurde. Otto war
damals ein 17-jähriges Bürscherl, wie auf dem Gemälde von
Peter von Hess unschwer ersichtlich ist. Der lebensfreudige
Junggeselle Joseph Petzl war auch nicht viel älter, aber
immerhin schon 30. Warum nicht Athen? In der osmanischen
Zeit war Athen völlig heruntergekommen und Nauplia Sitz der
griechischen Freiheitskämpfer. Von 1831 bis 1833 war es
daher Hauptstadt Griechenlands. Erst 1834 verlegte Otto den
königlichen Hof nach Athen. Aber nur bis 1862, dann wurde er
verjagt.
Heute ist Nauplia eine der schönsten Städte Griechenlands,
und hat durch seine multikulturelle Vergangenheit einen
sehenswerten historischen Stadtkern mit Hausfassaden aus
venezianischer, fränkischer, türkischer und hellenischer Zeit.
Von der Hafenpromenade aus ist die vorgelagerte Insel Bourtzi
mit Ihrer Festung bei Sonnenuntergang eine romantische
Kulisse. In der Höhe wacht die Festung Palamidi.
Peter von Hess-Einzug König Ottos in Nauplia (gemalt 1835)
Otto I. (Griechenland)
Landung in Athen (Ausschnitt) Nafplio
Nafplio: Bourtzi mit Festung Palamidi (Blick nach NW)
Zurück zu Petzls "Griechische Landschaft". Mit ihrer langgezogenen
Dimension und dem aparten Blau-Ocker Farbkontrast atmet sie Licht
und Sonnenhitze aus. Entstehungsort und Jahreszeit waren jedoch
unbekannt. Das schmerzt, denn man möchte den Ort ja gerne
besuchen. Wahrscheinlich war, dass das Bild schon kurz nach
Josephs Ankunft in der Nähe Nauplias entstand. Dazu fehlten aber
Beweise. Möglich wäre dass das Bild auch später und wo anders
entstand, denn der reisefreudige Joseph unternahm während seines
einjährigen Aufenthalts Fahrten nach Lakonien, Attika und Euböa,
durch die Maina, Arkadien und nach den Cycladen, über Patmos und
Ipsara zum Beiramsfest nach Constantinopel, wo seine markanten
Türken-Bilder (etwa der «Sitzender Türke») entstanden.
Die Eruierung des Entstehungsortes der "Griechischen Landschaft"
gestaltete sich als Herausforderung. Mit den heute zur Verfügung
stehenden Mitteln der Informatik war dies aber möglich. Folgende
Bilddetails waren dafür nützlich. Zunächst die Richtung der Schatten,
denn aus ihnen kann man auf die wahrscheinliche Himmelsrichtung
schliessen. Die Schatten der Häuser fallen in einem Winkel von
ungefähr 45° von rechts oben nach links unten. Falls das Bild
vormittags entstand, ginge die Blickrichtung also ungefähr nach
Osten, falls nachmittags, ungefähr nach den. Allerdings stören
dabei die Schatten der Bergflanken. Sie fallen von links nach rechts,
also umgekehrt zu jenen der Häuserschatten. Hat Petzl die Berge
und Häuser etwa zu verschiedenen Tageszeiten gemalt? Oder gar
erst zu Hause von mitgebrachten Skizzen?
Joseph Petzl - Sitzender Türke, Pfeife rauchend, im
Hintergrund das Goldene Horn , 1837
Schatten von rechts nach links
Schatten von links nach rechts ?
Und dann die Landschaft selbst, insbesondere das
vorgelagerte Meer mit den einigen Kilometern
entfernt liegenden Inseln, Buchten und Bergen. Die
Auswahl an einer derartig prägnanten
landschaftlichen Topologie im Peloponnes ist
beschränkt, ebenso wie in Lakonien, Attika, Euböa,
Maina, Arkadien und den Inseln Patmos und Ipsara.
Und trotzdem. Eine eingehende Bildsuche im Internet
lieferte lange keinen brauchbaren Hinweis. Am
ehesten hätte noch ein Ort an der Westküste des
Argolischen Golfs «gepasst», etwa Lerna, Kiveri oder
Paralio Astros gegenüber von Nafplio. War aber
unsicher. Auch manche Inseln der Cycladen kamen in
Frage, etwa Psili Ammos Samos, mit den Bergen des
anatolischen Festlands im Hintergrund, aber auch das
war fragwürdig.
Die Lösung kam schliesslich vom Studium der Hotel-
Fotos an beliebten Meeresstränden. Es ist der Hafen
von Aegina auf der gleichnamigen Insel unweit von
Athen. Joseph war also auch dort.
Somit harrt das Rätsel des Malorts der "Griechischen
Landschaft» von Joseph Petzl nicht mehr seiner
Lösung.
K.Y. April 2020
Lerna
Kiveri
Paralio Astros
Psili Ammos Samos