Die Munch-Schau „Liebe, Tod, Einsamkeit“ mit sensationellen Druckgrafiken eines Privatsammlers zeigt: Er ist nicht nur der Melancholiker, als der
er gern verkauft wird.
24.09.2015 | 17:39 | Von Bettina Steiner (Die Presse)
Ein Mann bettet seinen Kopf in den Schoß einer Frau. Sie umarmt ihn, beugt sich über ihn. Was wird geschehen? Der Titel gibt die Deutung vor:
„Vampir“. Also ein weiteres Beispiel für die typisch männliche Fantasie vom typisch männermordenden Vamp? Wer näher hinschaut, wird stutzig.
Eigentlich ist die Szene keineswegs eindeutig. Munch selbst, über 20 Jahre später nach dem „Vampir“ befragt, meinte sogar: Man sehe doch nur eine
Frau, die den Nacken eines Mannes küsse!
Den Titel hat jedenfalls nicht Edvard Munch selbst erfunden, sondern ein Freund, der Dichter Stanisław Przybyszewski. Munch übernahm seine Idee,
aber später, als der Symbolismus außer Mode war, wollte er nichts mehr davon wissen. Geschäftstüchtig? Vor allem gab Munch so das Werk wieder
zur Interpretation frei. Also noch einmal die Frage: Was passiert? Die Spannung ist wohl spürbar. Wird sie sich in Tränen entladen? Oder in Sex?
Wir kennen Edvard Munch ja vor allem als Melancholiker und Seismografen einer Zeit im Umbruch, als den Maler des „Schrei“, des „Toten
Mädchens“, der melancholischen „Madonna“ mit den geschlossenen Augen. Und als solcher wird er auch in der Albertina vor allem präsentiert.
„Liebe, Tod, Einsamkeit“ lautet der Titel dieser Schau, die mit 100 herausragenden druckgrafischen Werken aus dem Besitz eines anonym bleiben
wollenden Zürcher Sammlers bestückt ist. Zahlreiche Zitate weisen den Weg. „In den Beziehungen zwischen Mann und Frau muss unweigerlich ein
Teil leiden, ein Teil wird unweigerlich verletzt, beleidigt“, fand man bei Dostojewski. „Die Alten hatten recht, wenn sie die Liebe mit einer Flamme
vergleichen, denn die Liebe hinterlässt, genau wie die Flamme, auch nur einen Haufen Asche“, hat Munch geschrieben.
Ein Pionier der Grafik
Werke über Sehnsucht, Einsamkeit, Eifersucht und Tod nehmen bei Munch breiten Raum ein –und solche über die Angst des Mannes vor der Frau:
Diese sei zu der Zeit, so Hausherr Klaus Albrecht Schröder, nicht nur deshalb als gefährlich wahrgenommen worden, weil sie die Syphilis übertrug
(und angeblich nur sie allein!), sondern, weil sie mit beginnendem Selbstbewusstsein gleiche Freiheiten und Rechte einforderte.
Aber Munch –das zeigt die von Dieter Buchhart kuratierte Schau – porträtierte auch „Brigitte“ als neugierige Frau mit spitzer Nase und wachen
Augen. Die Bedrohung, die vom Mann ausgeht, zeigt der Künstler in einem Blatt, das direkt neben dem berühmten Werk „Pubertät“ hängt: Ein
junges, nacktes Mädchen wird von Herren ihn Gehröcken bedrängt. Und dann gibt es noch den wunderbaren Farbholzschnitt „Männerkopf in
Frauenhaar“: Auch hier beugt sich eine Frau über einen Mann, auch hier hüllen lange Haare ihn ein – aber im Gegensatz zum „Vampir“ kann man in
ihren Gesichtern lesen: Ihr Blick ist liebevoll, ihre Geste ist beschützend, nicht besitzergreifend. Nein, sie wird ihm nicht das Blut aussaugen! Und er
wirkt auch recht entspannt.
Was die sensibel gehängte Schau in der Albertina so besonders macht, ist der Fokus auf das druckgrafische Werk: Auf diesem Gebiet ist Munch nicht
nur einer von vielen Meistern der klassischen Moderne. Er war ein Pionier. Für Schröder gehört er neben Dürer, Rembrandt, Goya und Picasso zu den
wichtigsten Künstlern auf diesem Gebiet. Die Schau zeigt, wie Munch ein Motiv immer wieder variiert, wie er mit Farben spielt, hier ein Werk mit
Weiß nachbearbeitet, dort mittels Schablone eine Sonne einfügt. Manchmal koloriert er Werke so, dass der Druck kaum mehr durchscheint. In
etlichen Schnitten arbeitet er zudem mit der Maserung des Holzes – in einer hier zu sehenden Variante des berühmten „Kusses“ scheint die
Maserung gar die Konturen des Liebespaars zu umschmeicheln. Besonders schön: Da oft mehrere Varianten nebeneinander hängen, kann man sie in
Ruhe vergleichen. Was macht es mit den „Frauen am Meeresufer“, wenn der Strand hell ist und im Hintergrund der Mond scheint? Und „Zwei
Menschen. Die Einsamen“, die nebeneinander am Ufer stehen und auf das Meer blicken: Werden sie einsam bleiben? Oder bahnt sich etwas an? Je
nach Farbigkeit kann man zu anderen Schlüssen kommen.