Amedeo Modigliani - Jeune femme assise
Der Schriftsteller und Maler Max Jacob, der Anfang des Jahrhunderts mit Picasso und anderen Künstlern
im legendären Bateau lavoir hauste, ein altes Waschhaus auf dem Pariser Montmartre, würdigte den aus
Livorno stammenden italienischen Maler und Skulpteur Modigliani, der ebenfalls dort arbeitete, aus
langer freundschaftlicher Kenntnis. Vermutlich gerade weil Modigliani - seit seiner Kindheit an Tuberkulose
leidend immer in ärmlichen Verhältnissen lebte, ”war [in ihm] einfach alles auf die Reinheit in der Kunst
ausgerichtet. Sein unerträglicher Stolz, seine finstere Undankbarkeit, sein Hochmut, all das war nichts
anderes als der Ausdruck des Verlangens nach kristalliner Reinheit, einer unbedingten Aufrichtigkeit sich
selbst gegenüber, im Leben wie in der Kunst, und es schloß Vertraulichkeit nicht aus. Er war schneidend,
aber auch zerbrechlich wie Glas [...]. Und das war sehr charakteristisch für diese Zeit, die von nichts
anderem sprach als von der Reinheit in der Kunst und nichts anderes im Sinn hatte. Dedo [Modigliani] war
ein fanatischer Purist.
Mit Beginn des Weltkrieges im Jahr 1914 war Modiglianis Beschäftigung mit der Skulptur zu Ende
gegangen, die ihn mit dem Bildhauer Brancusi zusammengeführt hatte, der kurz zuvor erstmals abstrakte
Plastiken schuf. Im Jahr 1916 traf Modigliani den polnischen Schriftsteller Leopold Zborowski, der fortan
für ihn als aufopferungsvoller Kunsthändler tätig war und ihn auch wieder zum Malen veranlaßt hatte. Aus
seinem Nachlaß stammt auch die Jeune femme assise. In den letzten drei Lebensjahren entstand das
malerische Werk, für welches Modigliani bekannt geworden ist. 1917 fertigte Modigliani eine erste Serie
von Aktbildern, deren Ausstellung im Dezember desselben Jahres zu einem Eklat führte und polizeilich
verboten wurde, weil auf den Bildern, wie die Galeristin Berthe Weill berichtete, Schamhaare zu sehen
waren (waren in Vitrine, Menschenansammlung!). Die Beschäftigung mit abstrakter Skulptur zeigte Folgen.
Einerseits hat der Akt eine intime Nähe, andererseits ist die Nacktheit der Frau von individuellen Zügen
gereinigt und durch Stilisierung besonders der Konturen zu einer allgemeinen Form weiblicher Schönheit
und Erotik abstrahiert.