Joan Miró - Une Étoile caresse le sein
d'une négresse
Welcher Stern streichelt die Brust der Negerin?
Ein Stern liebkost die Brust einer Schwarzen ist ein Bildgedicht (peinture-poème). Diese Bezeichnung
ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Miró verstand seine Kunst schon immer als eine andere Form
der Dichtung –in Bildern. Seine „Peinture-poèmes“ setzen die Schrift als Bildelement ein. Im Lauf
seines Lebens schuf er mehr als 250 davon, viele mit seinen Dichterfreunden.
Das vorliegende Gemälde ist erotischer Natur und vereint malerische mit dichterischen Elementen:
zwei sich berührende Dreiecke als die Frau in Mirós Sprache, und der Umriss mit den Haaren als ihr
Geschlecht. Wo ist der Stern ? Nur im Wort. Vielleicht symbolisiert aber die Leiter Mirós Lust nach
den Sternen zu greifen. Der Schriftzug ist ein Gedicht, allerdings nur sein Anfang, die andere
verschweigt Miró dezent. Man findet sie in den Büchern:
"Une étoile caresse le sein d'une négresse Ein Stern streichelt die Brust einer Negerin
un escargot lèche mille nichons eine Schnecke leckt tausend Brüste
d'où jaillit le pipi bleu du pape-roi aus denen das blaue Pipi des päpstlichen Königs spritzt
ainsi soit-il» Joan Miró Amen Joan Miró
Gegenüber diesen Zeilen wirkt Mirós Bild geradezu wie eine harmlose Illustration. Wo ist die
schwarze Schöne, ist es die Leiter oder der schwarze Hintergrund, die Nacht? Wo ist die Schnecke,
etwa angepinnt neben einem Eulengesicht? Eine Amöbe leckt an einer roten Pfütze. Die roten Brüste
fallen eher grob aus, von blauem Pipi ist nichts zu sehen weit und breit... Und dennoch, es ist das
vollständige Gedicht, und es ist von Miró selbst! Nirgends eine Andeutung von einer Entschlüsselung
der Anspielungen. Das Bild aus der Zeit der Diktatur Francos ist doch nicht etwa konspirativ ?