Miròs barbusige Diana von Ephesusist nicht sein bekanntestes Werk, aber das mit den
meisten Fragezeichen. Wer ist die Göttin? Was war der Anlass sie darzustellen? Warum
hat sie so viel Brüste? Sind es überhaupt Brüste? Die einzig bekannte Göttin mit mehr als
zwei Brüsten war bekanntlich Artemis =DIANA!. Warum nannte Mirò sein Werk nicht
Artemis von Ephesus“? Zwar entspricht Diana in der römischen Mythologie der
griechischen Göttin Artemis, aber ihr Kult entstand in Ephesus zu griechischen und nicht
zu römischen Zeiten, also spätestens im 4 Jhdt. v. Chr. Sie war die Göttin der Jagd und
Hüterin der Frauen und Kinder. Den Bewohnern von Ephesos war sie derart wichtig, dass
sie ihr den damals größten Tempel im Mittelmeergebiet errichteten (9-Säulenfront),
größer als jener der Pallas Athene auf der Akropolis (8 Säulen), und eines der 7
Weltwunder. Man staune.
Um Artemis und Ephesos ranken sich viele Legenden, etwa dass das Bildnis der Göttin
dort vom Himmel gefallen sei, dass das Feuer in ihrem Tempel - gelegt vom damnatio
memoriae gezeichneten Herostratos sinnigerweise am Geburtstag des künftigen
Kriegers Alexander des Großen ausbrach, als Artemis seine Geburt in Pella überwachte
und daher ihren Tempel in Ephesos nicht beschützen konnte.
Keine Legende hingegen ist, dass der von den Ephesern neu aufgebaute Tempel von den
Goten im 3 Jhdt. völlig zerstört wurde. Übrig blieben lediglich eine Marmorsäule und
einige Kultstatuen deren römische Kopien heute im Museum von Selçuk verwahrt sind.
Joan MiróDiana” von Ephesus
Brüste oder Stierhoden?
Römische Kopien der Artemisstatuen (ursprünglich aus Holz)
A: die «Schöne» Marmor 174 cm 1. Jhdt. Selçuk (entdeckt 1956 durch den ehemaligen Wiener NS
Professor Franz Miltner), B: die «Grosse» Marmor 292 cm 1. Jhdt. Selçuk, C: «Artémis Farnèse
Alabaster 2. Jhdt. Kapitolinische Museen Rom, D: Details der Gipskopie der «Grossen» Artemis im
Ephesus Museum in Wien (oben), und der Artémis Farnèse in Rom (unten).
A B C D
Schon ein erster Blick auf die antiken Statuen zeigt dass das
wichtigste Attribut der Artemis ihre zahlreichen Brüste waren,
sodass sie oft die „Vielbrüstige“ genannt wurde.
Aber halt! Man braucht kein Spezialist der weiblichen Anatomie
zu sein, um festzustellen, dass diesen Brüsten ein wesentliches
Merkmal fehlt, nämlich die Brustwarzen. Für Zweifler, die ungern
reisen und es genau wissen wollen, bietet sich eine Untersuchung
der Gipskopie im Ephesus Museum in Wien an.
Multi-Mammia-Darstellungen der Artemis in der nachantiken
Kunst tauchten erstmals im 16 Jhdt. auf, zunächst in den Stanzen
des Vatikans von Raffael mit seinen Statuen beiderseits der
personifizierten Philosophie - wobei erstmalig Brustwarzen
erkennbar sind - und später in Darstellungen anderer Künstler wie
Philippe Galle in seinem Stich “Natura, und Gillis van den Vliete
im Milchbrunnen” der Villa d’Este in Tivoli, beide ebenfalls mit
Brustwarzen. Die Interpretation der vielbrüstigen Artemis als
Mutter Natur setzte sich im 17. und 18. Jhdt. fort, etwa auf Carl
von Linnés Buchumschlag seines Systema Naturae, und hielt sich
bis ins 20 Jhdt.
Kein Wunder also dass Mirò für seine “Diana von Ephesusdie
bereits erprobte Multi-Mammia Darstellung vorzog, auch wenn
die Göttin Diana künstlerisch nie so dargestellt wurde.
Möglicherweise wurde er dazu 1958 vom Fund der Artemisstatue
kurz davor (1956) durch den Österreicher Franz Miltner angeregt.
Milchbrunnen
Stanza della Segnatura parete Est
Natura
Systema Naturae
Aber zurück zu den Brüsten der Artemis. Trotz jahrhundertelangem
Kopieren ist ihre Zuordnung als ein Körperteil der Göttin umstritten.
Sind es wirklich Brüste die da herumbaumeln, oder etwas anderes,
etwa eine Reihe angehefteter Genitalien von Stieren? Von der Form
und Grösse her würde es stimmen. Auch wäre es nicht so abwegig,
denn Stieropfer waren im Artemiskult weit verbreitet, und die
Verwendung ihrer Hoden als Fruchtbarkeitssymbol erwiesen.. Diese
Sitte war schon im Kult der Magna Mater (Kybele) verwurzelt, die bei
heidnischen Völkern als Vorläuferin weiblicher Gottheiten gilt. Auch
die Phrygische Mütze liefert Indizien dafür. Sie war ursprünglich ein
gegerbter Stier-Hodensack samt umliegender Fellpartie, der nach
Vorstellung der Griechen die besonderen Fähigkeiten des Tieres auf
seinen Träger übertragen sollte. Dies war auch für Kriegerinnen wie
die Amazonen und später Jeanne d’Arc (ikonische Jakobinermütze
der Marianne) wünschenswert, den diese waren in ihrer
Jungfräulichkeit nicht mit allen männlichen Tugenden gesegnet, so
wie eben die Artemis auch.
Dass der zur Erotik neigende Mirò mit Stierhoden wenig anfangen
konnte, und seine “Dianalieber mit weiblicheren Merkmalen
ausstattete, ist verständlich. Was aber hätte der Stier-und Frauen-
Aficionado Picasso bei Kenntnis der Sachlage aus diesem Motiv
herausgeholt? Nicht auszudenken. Man erinnere sich an Auguste
Renoirs Ausspruch Traue niemand, den der Anblick einer schönen
weiblichen Brust nicht außer Fassung bringt”. Picasso
Amazone mit Mütze
beim Busen kommt einiges zusammen sekundäres
Geschlechtsmerkmal, Nahrungsquelle, erotische Versuchung,
öffentliches Ärgernis
https://www.tagesanzeiger.ch/brueste-alle-ziehen-blank-und-
keiner-schaut-mehr-hin-158646410577