Symbolik: Bei Miró sind die Funken des Kometenschweifs symbolisch meist als männliche Samen zu
deuten, „die im Bezugsfeld eines sexuellen Kosmos bzw. einer ins Kosmische erweiterte Sexualitätals
Zeichen ihre Vieldeutigkeit entfalten. Seit den 1930er Jahren bleiben Mirós in unterschiedlichen
Materialien verwendete Symbole wie beispielsweise Sterne, Kometen, Sonnen, Monde als Zeichen des
Universums nahezu unverändert. Neben diesen Symbolen gibt es Insekten, Leitern als Zeichen für Flucht,
flammende Herzen, männliche und weibliche Genitalien. Letztere sind unter anderem oft dargestellt
durch Spinne, Auge, Ei. Die sexuellen Körperteile bilden das Begehren als Triebenergie künstlerischer
Schöpferkraft ab. Das häufigste Bildmotiv bei Miró ist Femme et oiseau (Frau und Vogel), wobei der Vogel
Begehren ausdrückt. Er wird oft als Halbmond abgebildet und erinnert damit an das Attribut der
griechischen Göttin der Jagd und der Fruchtbarkeit Artemis (römisch: Diana)
Mirós rebellische Haltung gegenüber der kommerzialisierten Kunst steigerte sich mit zunehmendem Alter
und erreichte 1973 ihren Höhepunkt in der fünfteiligen Serie Verbrannte Leinwände. In diesen
großformatigen Gemälden schreckte er (ähnlich dem italienischen Maler Lucio Fontana) nicht davor
zurück, ganze Flächen mit der Lötlampe herauszuschneiden. In einem Interview mit Santiago Amon,
abgedruckt im El País, Semanal im Juni 1978, antwortete Miró auf die Frage nach seiner Motivation für
diese brachiale Technik: „Aber wie ich es schon anderweitig gesagt habe, war der wahre Grund der, daß
ich mir einfach das Vergnügen gönnen wollte, den Leuten, die in der Kunst allein ihren kommerziellen
Wert sehen all denjenigen also, die glauben und behaupten, daß ihre Werke ein Vermögen wert sind,
einmal Scheiße!‘ entgegenzurufen.“
Nach mir bist du es, der neue Türen öffnet […]“ (Pablo Picasso)
Miro Analysen
Der Tod der Malerei war Joan Miró nicht genug. "Die Surrealisten haben, wie man weiß, den Tod der
Malerei verordnet. Ich will den Mord", sagte er 1930. Es war weder das erste noch das letzte Mal,
dass der 1893 in Barcelona geborene Künstler, dem die Albertina nun eine große Retrospektive
widmet, diesen Wunsch äußerte. In Paris und unter dem Einfluss der Surrealisten hatte Miró 1924/25
begonnen, sich vom Sichtbaren zu entfernen. Seine Figuren lösen sich in Linien auf, verkürzen sich auf
Symbole: Zwei gelb umrandete Kreise? Wache, in alle Richtungen blinzelnde Augen. Ein paar von
einer Linie herabhängende Locken? Ein Zauselbart. Eine rote Welle? Ein Haarschopf. Fertig war der
Kopf eines katalanischen Bauern. Die Dichtung und das Prinzip des unkontrollierten Gestaltens, die
Écriture automatique, trieben Mirós Abstraktion voran - oder vielmehr die Entwicklung seiner
Zeichenhaftigkeit: "Ich verband das Wirkliche mit dem Mysteriösen." -
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Was trotzdem fehlt, ist der späte Bildermord! Nur 2001, im Wiener Kunstforum, war ein Beispiel
dieser zerschlitzen, angekokelten Toiles brûlées zu sehen. Sie entstanden 1973: Miró war damals 80,
seine farbenfrohen, poetischen Werke mit den Monden und Sternen galten längst als Klassiker. Er
war Gefangener seines Stils. Gemordet wurde mit Flammen. Seine Galeristen ignorierten diese
Arbeiten. Mirós Enkel Joan Punyet beschrieb sie als Ausdruck des Kampfes seines Grvaters gegen
das Franco-Regime. Auch die Albertina entschied sich leider für ein mildes Ende. (Anne Katrin Feßler,
DER STANDARD, 12.9.2014)
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