Roy Lichtenstein - Glass and Lemon before a Mirror
Im Februar 1962 zeigte Roy Lichtenstein seine ’Comic’- Bilder erstmals in einer Einzelausstellung bei Leo Castelli in New
York. Dies bedeutete seinen künstlerischen Durchbruch, denn bereits vor der Eröffnung waren sämtliche Bilder verkauft.
Zu Anfang malte Lichtenstein solche Bilder zum Spaß für seine beiden Söhne nach Walt Disney Figuren (Mickey Mouse),
die sich auf Kaugummiverpackungen befanden: ”Dann kam ich auf die Idee, eins dieser Kaugummipapiere zu malen, und
zwar großformatig, einfach um zu sehen, wie das ausschauen würde. Ich glaube, zuerst war ich dabei Beobachter und gar
nicht so sehr Maler, aber als das Bild dann halb fertig war, begann es mich als Bild zu interessieren.... 1961 entstanden
dann die ersten Werke, deren Gegenstand Lichtenstein aus Cartoon-Serien entnommen hatte, z.B. Look Mickey. Das
Besondere und Provozierende an den Bildern war, von Castelli sofort hellsichtig erkannt, daß er die Drucktechnik seiner
Vorlagen in seine Malerei übernahm: die schwarze Kontur, Schraffuren und vor allem die Rasterpunkte. Das Unerhörte
daran war zum einen der Rückgriff auf ein Sujet, welches aus Comic-Strips oder der Werbung stammte, zum anderen das
betont maschinell gefertigte Aussehen.
Als Amerikaner, der weit weniger in europäischen Traditionen gefangen war, hatte es Lichtenstein leichter, sich von der
ernsten’ Kunst, wie sie in den 50er Jahren im abstrakten Expressionismus Triumphe feierte, einer ironisch gefärbten,
’Unterhaltungskunst, der Pop Art, zuzuwenden. ”Ich finde, seit Cézanne ist die Kunst außerordentlich romantisch und
unrealistisch geworden, sie nährt sich nur von sich selbst, ist utopisch. Sie hat immer weniger mit der Welt zu tun, betreibt
Nabelschau, Neo-Zen und so (...). Draußen ist die Welt, sie existiert. Die Pop Art blickt in die Welt hinaus irgendwie
akzeptiert sie ihre Umgebung, die weder gut ist noch schlecht, nur anders.... Daß aber Lichtenstein nicht nur als ein
humorvoller, ironischer Saboteur aller ’ernsten’ Kunst zu verstehen ist, zeigen Werke wie Glass and Lemon before a Mirror
von 1974. Neben den Cartoon-Bildern, Landschaften oder Kopien nach kunsthistorischen Vorbildern (etwa Carràs ”Rotem
Reitervon 1911), die sämtlich in der für Lichtenstein typischen Comic- Manier gemalt sind, gibt es auch ernstere
Versuche, namentlich die Mirror-Serien und die Architekurfriese, mit denen Lichtenstein die Sphäre der Abstraktion streift.