https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/170/1/Zoellner_Leicester_99.pdf
Natrlich htte Papst Leo X. wissen knnen, worauf er sich einließ: Fr Experimente,
die nicht unbedingt der Malerei ntzten, war Leonardo schon seit lngerem bekannt.
Besonders zu Beginn 16. Jahrhunderts hatte er die Geduld seiner Gnner und
Auftraggeber arg strapaziert. Bezeichnend hierfr ist der Fall Isabellas d`Este,
Markgrfin zu Mantua, die jahrelang vergeblich auf ein Bild Leonardos wartete, weil
der Meister zunchst andere Auftraggeber bevorzugte und sich dann lieber mit
mathematischen Experimenten beschftigte oder planlos in den Tag hineinlebte
(s.u.). Eine gewisse Ungeduld beim Malen kann man sogar als generelles
Charakteristikum des Knstlers bezeichnen, der insgesamt nur wenige Gemlde
begann und kaum eines vollendete. Ein Grund hierfr waren seine vielfltigen
Interessen, vor allem seine "wissenschaftlichen" Studien und Experimente sowie
seine umfangreichen Aufzeichnungen zu verschiedensten Naturphnomenen, zu
denen auch der zwischen 1506 und 1510 entstandene Codex Leicester zhlt. Es liegt
daher nahe, Leonardos knstlerisches Schaffen in Verbindung zu seinen
"wissenschaftlichen" Studien zu setzen. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, ob die
genannten Studien die knstlerische Praxis bestimmten oder ob die Kunst der
Ausgangspunkt fr seine "wissenschaftlichen" Studien war. Im Folgenden werde ich
fr die zuletzt genannte Mglichkeit argumentieren: die Kunst ging zunchst der
"Wissenschaft" voran.
die Kunst Leonardos ging der "Wissenschaft" voran