In der r.k. Kirche spielt der „Bastl“ als Pestheiliger eine geringere Rolle als in der Welt
der Kunst. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass es seit der großen Pestepidemie
(1348) nur mehr wenige Anlässe gab ihn anzurufen, sondern auch an der Unzahl von
Pfeilen (des Diokletian) die ihn aus künstlerischer Sicht attraktiv durchbohren. Die
Version von Mantegna im KHM Wien ist in dieser Hinsicht ein besonders grausliches
Beispiel. Zwischen der Folter des frühchristlichen Märtyrers - der seinem Glauben nicht
abschwören wollte - und der Pest besteht ja kein Zusammenhang.
Die bis vor kurzem unbekannte Leonardo Studie stellt den Hl Sebastian in einem ganz
anderen Licht dar. Nämlich ganz ohne Pfeile ! Es drängt sich der Verdacht auf, dass
Leonardo die Erotik des nackten und unversehrten Männertorso mehr interessierte als
die Wunden eines wie ein Igel gespickter, qualvoll sterbender Jüngling. Mit seiner Sicht
war Leonardo vermutlich nicht alleine. Zur selben Zeit zog sich der Florentiner Maler
und Savonarola Anhänger Fra Bartolommeo aus Schmerz über die Verbrennung seines
Idols in das Franziskanerkonvent in Fiesole zurück. Fünf bis sechs Jahre lang enthielt er
sich der Malerei, dann packte ihn wieder der Pinsel. Wegen der verheerenden
Sinnlichkeit seines ebenfalls Pfeillosen Nackedeis wurde das Gemälde aber aus der
Kirche entfernt: Frauen beichteten, sie hätten bei der Betrachtung der lebensvollen
Gestalt „gesündigt“. Ein klarer Verrat der Religion durch den Maler. Nicht umsonst gilt
das Bild heute als verschollen (gerüchteweise wurde es 1529 an Franz I nach
Fontainebleau verkauft). Jenes in Fiesole ist jedenfalls eine Kopie von Zacchia il Vecchio.
Leonardo da Vinci - Studie zum Martyrium des
Hl. Sebastian
...es geht auch ohne Pfeile
Mantegna
Zacchia il Vecchio
(nach Fra Bartolomeo)
Hl Sebastian