Leonardo da Vinci (?) - La bella Principessa
Klage/Expertenstreit/Fälschungsverdacht/ - es geht rund im Kunstgeschäft
Port Franc Genève
Ein reizende Zeichnung auf Pergament. Sie soll von Leonardo
da Vinci stammen. Bis vor kurzem wurde sie für ein Werk aus
dem 19. Jhdt gehalten. Als solches wurde sie jedenfalls 1998
von ihrer damaligen Besitzerin Jeanne Marchig über Christie's
verkauft, und 2007 vom Sammler Peter Silverman erstanden.
Dieser lässt das Blatt 2009 von Lumière Technology (Paris)
untersuchen und patatra: sie finden dass es der fehlenden
Seite der Warschauer Kopie der Sforziada entspricht, und
entdecken einen Fingerabdruck der "highly comparable" mit
einem Abdruck auf dem unfertigem Da-Vinci-Gemälde des Hl
Hieronymus im Vatikan ist. Außerdem stammt die Zeichnung
von einem Linkshänder, wie es Leonardo war.
Dadurch stieg der mögliche Wert der Zeichnung schlagartig
auf 150 Mio. $. Jeanne Marchig klagte daraufhin Christie's
wegen Nichterkennens eines Leonardo - sie bekam ja beim
Verkauf nur 20 000 $ - Klage die wegen Verjährung
abgewiesen wurde.
Gemäß dem Oxford Professor Martin Kemp könnte das
Bild die damals 13-jährige Bianca Maria Sforza darstellen.
Das Renaissance Kleid, der Mailänder Haarstil der 1490er
Jahre und die Verbindung mit Leonardo der mehrerer
Gemälde für die Sforza schuf. Bianca war ja nicht
irgendeine Tochter irgendeines Herzogs von Mailand,
sondern eine der reichsten Bräute Europas, welche 1494
die 2. Frau des Habsburgers Maximilian I wurde, der
chronisch unter dem "Diktat der leeren Kassen" litt. Ihr
Onkel, unter dessen Herrschaft sie aufwuchs, war der
legendäre Ludovico Sforza (il Moro, der Dunkle), Förderer
da Vincis. Die Sforzas verschacherten ihre Töchter also so
wie die Habsburger.
Biancas Hochzeit mit Maximilian wurde übrigens durch
das Goldenen Dachl in Innsbruck verewigt (sie reiste
dorthin übers Stilfserjoch). Ihre Statue steht in der
Hofkirche nebenan, und beigesetzt ist sie in der
Stiftskirche Stams. Was meiner Meinung nach gegen die
Zuordnung Bianca Marias spricht ist dass sie keine
besonders attraktive Frau war, im Gegensatz zum
Mädchen auf der Zeichnung. Dies ist aber unwesentlich
für den Wert der Zeichnung.
Bianca Maria Sforza 1493
Maximilian I. HRR
Trotz aller Indizien die für eine Zuordnung der
Zeichnung zu Leonardo sprechen, sind sich die
Experten uneinig. Albertina Direktor Schröder etc:
«kein Leonardo». Martin Kemp und Peter Silverman
glauben daran. Letztere schrieben beide je einen
Roman darüber.
Zu allem Überdruss behauptet noch ein bekannter
Fälscher in seinen Memoiren "A Forgers Tale", im
Gefängnis geschrieben, das Bild gefälscht zu haben,
indem er altes Pergament aus 1587 verwendete.
Behauptung, die von Experten als unwahrscheinlich
eingestuft wird.
Alle Ingredienzien für einen weiteren Roman
scheinen jedenfalls vereinigt zu sein: ist es eine
Berührungsreliquie, handelt es sich um einen 150
Mio $ Fehler ? Wer hat nun recht, der Kunsthistoriker
oder der Kunstfälscher. Das einzige was derzeit
(2020) sicher zu sein scheint ist, dass sich das Werk
weiterhin im Port Franc de Genève befindet
Ludovico Sforza
?