Gustav Klimt Judith
Wer war die Schöne ?
Im Alten Testament enthauptet die fromme jüdische Witwe
Judith den grausamen assyrischen Feldherrn Holofernes mit
seinem eigenen Schwert. Sie wird nicht nur als fromm,
sondern auch als schön, reich und mutig beschrieben. In den
meisten Darstellungen hielt sie das blutige Haupt ihres Opfers
in der einen, und das Schwert in der anderen Hand. Kein
Wunder dass sich schon früh Künstler an diesem dankbaren
Thema abgearbeitet haben, angefangen von Andrea Mantegna
über Donatello und Michelangelo bis Max Ernst.
Klimt war keine Ausnahme. Er malte seine Judith gleich in zwei
Versionen. In "Judith mit dem Haupt des Holophernes" (Judith
I) stellte er sie als schöne, verführerische Zeitgenossin dar,
während er ihr später in Judith II dämonische Züge verlieh. Als
Ästhet verzichtete er jedoch auf die komplette Wiedergabe des
abgeschlagenen Hauptes des Unglücklichen, und vom Schwert
sieht man gar nichts. Folglich wurde seine Judith oft als Salome
(Tochter des Herodias), obwohl der Rahmen von Judith I, den
Klimts Bruder anfertigte, klare Worte spricht. Welche Schönheit
für das Gemälde Pate stand ist ungewiss, wahrscheinlich Adele.
Judith I (1901) Judith II (1909)
Mantegna 1431 Donatello ??? Michelangelo ??? Ernst 1961
Judith
Zur Identität der Judith I: in der einschlägigen Literatur wird sie
meistens Adele Bloch-Bauer zugeordnet, obwohl ein Klimt-Experte
(Alfred Weidinger) schon 2012 auf die Ähnlichkeit mit einer anderen
Geliebten Klimts hinwies, nämlich auf Anna von Mildenburg, einer
gefeierten Wagner-Interpretin. Allerdings basiert diese Zuordnung
nur auf Ähnlichkeiten der Kinn- und Nasenpartie auf schwarz-weiss
Photos, sowie auf den hoch angesetzten, starken Augenbrauen.
Vorbereitende Zeichnungen zu diesem Gemälde scheinen nicht
erhalten zu sein.
Das könnte sich jetzt ändern: im Juni 2019 kam Im Kinsky eine
Portraitzeichnung Klimts zur Auktion. Dieses "Brustbild einer Dame"
stammt so wie ursprünglich Judith I - ebenfalls aus der Sammlung
des Wiener Sanatoriumsbesitzer Anton Loew. Die Identität dieser
Dame mit hellblauen Augen und Wuschelkopf ist unbekannt, im
Begleittext wurde jedenfalls kein Name erwähnt. Erst eine besonders
motivierte Journalistin einer öst. Tageszeitung (OK aus DerStandard)
glaubte die Ähnlichkeit der abgebildeten Dame mit jener im Gemälde
Judith I. erkannt zu haben, mit anderen Worten, es könnte sich in
beiden Fällen um Anna von Mildenburg handeln. Das wäre eine
kleine Sensation. Was dafür spricht: Löws Tochter Gerta Loew-
Felsövanyi, war eine Opernnärrin und könnte Bilder von Mildenburg
besonders geschätzt und als Geschenk von ihrem Vater erhalten
haben. Warum sie allerdings nach dessen Tod die Judith I. 1920 in
Genf versteigern liess, ist unverständlich. Brauchte sie Geld ?
Anna Mildenburg
Brustbild einer Dame 1898
Auch muss man sagen, dass die Farbe der halbgeschlossenen
Augen im Gemälde der Judith I nur schwer erkennbar ist - Klimt
hat da blau-grüne Akzente gesetzt - und dass die Augenfarbe
Mildenburgs auf schwarz-weiss Photos naturgemäss nicht
eruierbar ist. Erst ein intensives Stöbern meiner Wenigkeit im
Fundus des Wiener Theatermuseums brachte Licht in die Affaire:
ein relativ aufwändig gemaltes Bühnenbild zeigt Mildenburg (als
Isolde) tatsächlich mit hellblauen Augen. Bleibt ein kurioses
Detail: Mildenburgs linker Nasenflügel ist im Vergleich zum
rechten leicht erhöht. Dieser "Schönheitsfehler" kommt in keinem
der beiden Klimt Werke zum Ausdruck. Interessanterweise gibt es
aber eine spätere Goldstiftzeichnung der Mildenburg in der dieses
Detail ebenfalls erscheint. Zufall? Dies würde jedenfalls gegen die
Identifizierung Mildenburgs sprechen.
Aber halt! Man sieht auf den zahlreichen "offiziellen" Photos von
Mildenburg keine derartige Anomalie. Stellt sich natürlich die
Frage, ob eine solche nicht von den "Hofphotographen" (damals
noch ohne Photoshop) wegretouchiert wurde. Auch Künstler
wollen ja ästhetisiert dargestellt werden. Es "menschelt"
bekanntlich auch unter ihnen. Eigentlich beruhigend.
Fazit: sogar Werke eines so eingehend studierten Künstlers wie
Gustav Klimt haben noch unbekannte Facetten. Man kann sich
daher auf weitere Überraschungen gefasst machen. Dazu gehört
auch seiner Vorliebe für Brünette.
Klimts Brünette