Gustav Klimt Danaë
Wenn sich Kunst und Wissenschaft die Hand geben
In der erotisch aufgeladenen Danaë verrät ein kurioses Detail Klimts
Exkursion aus der Mythologie zur Wissenschaft.
Zunächst zur Mythologie: Danaë war Prinzessin von Argos und Tochter
von Akrisios. Gewarnt vom Orakel ("Dein Enkel wird dich töten") verwahrt
dieser sein einziges Kind in einem Verlies. Doch Danaë hatte es Zeus
angetan - und dieser findet natürlich einen Zugang zu ihr: der Göttervater
verwandelt sich in einen Regen aus Goldmünzen und schwängert die
Prinzessin, die neun Monate später Perseus gebiert. Dass auch dieser in
die Kunstgeschichte eingehen sollte, indem er Medusa tötete, ist eine
andere Geschichte (siehe Cellini-Perseus Coup de coeur).
Zur Wissenschaft: wenn man den Blick von Danaës mächtigem Schenkel
zur feinen Ornamentik ihres Schleiers gleiten lässt, entdeckt man einige
kuriose Gebilde. Sie werden nicht nur von Biologen Blastozysten genannt.
Das sind embryonale Stammzellen um einen flüssigkeitsgefüllten
Hohlraum, die sich drei bis vier Tage nach der Befruchtung einer Eizelle
bilden. Sind es die Stammzellen von Zeus’ Gnaden ? Das wäre gut
beobachtet, aber woher verfügte Klimt zu Beginn des 20. Jahrhunderts
über so viel embryologisches Detailwissen? Blastocyste (Keimblase, 5ter Tag)
Klimt-Danaë Detail
Cellini-Perseus
1549 gegossen, 1554 enthüllt
Die Antwort findet man in den damaligen großbürgerlichen
Künstlersalons Wiens, allen voran jenem der Bertha
Zuckerkandl-Szeps, einer umtriebigen Publizistin, Gattin des
berühmten Anatomen Emile Zuckerkandl. Im Rahmen der
Salonabende über dem Café Landtmann in der Oppolzergasse
gab es für Künstlerfreunde auch wissenschaftliche Vorträge,
darunter welche mit Dia-Projektionen von Blutgefäßen,
Hirnzellen und…. Blastocysten. Klimt hat daran teilgenommen.
Kunst und Wissenschaft gaben sich die Hand.
Das Motiv der befruchteten Eizelle wurde auch von späteren
Künstlern aufgegriffen. Besonders originell ist das
"Maschinchen" von Max Ernst, mit seiner kryptischen Inschrift
"Von Minimax Dadamax selbst konstruiertes Maschinchen für
furchtlose Bestäubung weiblicher Saugnäpfe zu Beginn der
Wechseljahre u. dergl. Furchtlose Verrichtungen" in der Peggy
Guggenheim Collection in Venedig. Im Bild entdeckt man zwei
kugelige rötliche Bläschen (eine am Ausgang des
Wasserhahns, die andere im Glaskörper) die als vergrösserte
Ovozyten gedeutet werden können. Was mit den “weiblichen
Saugnäpfengemeint ist, und wie deren Bestäubung erfolgen
soll, hat uns Max Ernst nicht verraten. Ob er ahnte dass sein
Maschinchen für furchtlose Bestäubung weiblicher
Saugnäpfevon einem damals noch ungeborenen
Wissenschaftler (Carl Djerassi, Miterfinder der «Pille» und
eifriger Paul Klee Sammler) sabotiert werden würde ?
Bertha Zuckerkandl-Szeps
Carl Djerassi 1923-2015
Max Ernst Maschinchen 1919/20
Beg105
Auch Salvadore Dali nahm sich des Themas der befruchteten
Eizelle an, allerdings auf atomarem Niveau. In seinem Gemälde
Butterfly Landscape (The Great Masturbator in a Surrealist
Landscape with D.N.A.) entdeckt man den wichtigsten
Bestandteil der Eizelle, die Desoxyribonukleinsäure (DNA),
Trägerin des genetischen Codes. Dies ist insofern
bemerkenswert, als Dali die Abbildung nur 4 Jahre nach der
strukturellen Aufklärung der DNA-Doppelhelix (1953) malte, d.h.
lange vor dem Nobelpreis an Watson & Crick (1962). Als Künstler
hatte er offenbar einen besseren Riecher für wissenschaftliche
Durchbrüche als das Nobelkomitee. Die Deutung seiner
Schmetterlinge überliess er allerdings dem Betrachter.
Zurück zu Klimts Danaë. Ein Detail, das nichts mit Embryologie
zu tu tun hat, sind die verkrallten Finger der Prinzessin. Lassen
diese auf ihr Lustgefühl beim Empfang des göttlichen
Goldregens schließen? Wohl kaum. Nicht vergessen, die
Darstellung entsprang der Phantasie eines Mannes der als
Erotomane in die Kunstgeschichte einging. Gekauft wurde sein
Gemälde ebenfalls von einem Mann. Zwar kein Erotomane, aber
jemand der die Gentechnik zum Teufelszeugerklärte, und in
seiner österreichischen Tageszeitung (Krone) täglich eine
«Nackerte” auf Seite 7 platzierte, ausser im Advent und in der
Karwoche, wo ihr ein Pulli übergezogen wurde. Ob das Gemälde
noch immer über dem Kamin der Dichands in der Wiener
Kaasgrabengasse hängt, ist ungewiss.
Dali-Butterfly Landscape 1957
Crick & Watson 1962 Nobelpreis
DNA Doppelhelix Nature 1953
Klimt-Danae (Detail)
Natürlich stellt sich die Frage, wie andere Künstler mit
dem Danaë Motiv umgingen. Historisch gesehen begann
die Hitparade schon lange vor unserer Zeit, etwa mit
Keramikbemalungen wie auf dem rotfigurigen
Glockenkrater aus Böotien (um 450 v. Chr.). Sie setzte
sich fort mit Künstlern der Renaissance wie Jan Gossaert
gen. Mabuse (1527), Correggio (1530), Tizian (1564), und
Tintoretto (ca 1570), des Barocks wie Artemisa
Gentileschi (1612), Manieristen wie Orazio Gentileschi
(1621), Symbolisten wie Franz Stuck (1923) und
Künstlern der Wiener Moderne wie Egon Schiele (1909).
Gemeinsamkeiten? Alle Danaë Darstellungen kamen von
Männern, ausser jener der Artemisia Gentileschi; gelang
ihr deswegen die Veranschaulichung der weiblichen
Psyche mit geschlossenen Augen so gut? Vor Klimt kam
ihr im Ausdruck nur G. L. Bernini mit seinen Skulpturen
Extase der Hl. Theresa (1652) und Verzückung der Beata
Ludovica Albertoni (1674) so nahe.
Verschiedenheiten? die Dichte des Goldregens und der
verklärte Blick der Danaë. Die Bandbreite von religiöser
Hingabe, irdischer Lust bis hin zur Autoerotik lässt tief in
die Psychoanalyse der darstellenden Künstler blicken,
v.a. der männlichen. Schade, dass sich diese noch nicht
auf Sigmund Freuds Couch in der Berggasse legen
konnten ;-) KY 2018
O. Gentileschi 1621
Krater 450 v. Chr Jan Gossaert (1527) Correggio (1530)
Tizian (1564), Wiener Fassung
Egon Schiele (1909)
Tintoretto (ca 1570)
Bernini 1652 Bernini 1674
Danae