Paul Klee - Das Lamm
Ist dieses kleine Bild so einfach zu verstehen? Die figürlichen Elemente sind gemäß der
christlichen Ikonografie nicht schwer zu entschlüsseln: Das Lamm mit dem Kreuz hinter dem Kopf
ist das „Lamm Gottes“, also Jesus, der Erlöser. Durch sein geopfertes Blut wird die Welt von
Schuld und Sünde erlöst. Das Lamm ist eingebettet in ein wie ein herabhängendes Tuch
verzogenes Feld. Wagen wir einen Gedankensprung, so sind wir bei der seit dem Mittelalter
bekannten Darstellung des Schweißtuches der heiligen Veronica, welches angeblich ein „wahres“
Bild von Jesus Christus zeigt. Klees Darstellung ist eine moderne Version dieser tradierten
Themen. Zwei Jahre nach Ende des bis dahin blutigsten Kriegs aller Zeiten mitten unter
kunstsinnigen Völkern kommentiert Klee das Geschehen auf seine Weise. Er verschmilzt das
Lamm mit der Streifenschichtung der Landschaft: Das Lamm ist da und zugleich nicht. Ist der
symbolisierte Opfertod gerechtfertigt oder nicht? Ungewöhnlich an dem Bild ist neben der
inhaltlichen Komplexität die Komposition aus schwingenden Farbbändern. Klee der musikalisch
hochgebildet war, könnte hier die Polyphonie der Fuge ins Visuelle übertragen haben. Das
Gemälde folgt damit einer künstlerischen Eigengesetzlichkeit, mit der sich der Künstler zeit
seines Lebens beschäftigte.