Wassily Kandinsky - Innerer Bund
Kandinsky war nicht der einzige Künstler, der vor dem Ersten Weltkrieg abstrakt malte. Die Grundlagen waren in der
dekorativen Malerei des Jugendstils gelegt worden. Wie Kandinsky so begannen um 1911/12 beispielsweise
Mondrian, Delaunay, Kupka oder Malewitsch ungegenständliche Bilder ’reiner Kunst’ zu konzipieren. Kandinsky muß
aber aufgrund seiner Konsequenz und Tiefe wohl als der bedeutendste unter ihnen angesehen werden. Er begleitete
seine Arbeiten mit Reflexionen auf hohem Niveau. Seine juristische Ausbildung kam ihm dabei sicherlich zugute.
Seine berühmteste Schrift, bereits im Titel Programm, hieß Über das Geistige in der Kunst und erschien 1912 im
Piper-Verlag. Es ging ihm in seiner Kunst um Darstellung jeweils eines bestimmten ”inneren Klanges”. Mittels einer
abstrakten, auf Punkt, Linie und Fläche reduzierten Malerei so gesehen war sie ’reine Kunst’ – schien es ihm analog
zur Musik möglich, die Seele eines dafür empfänglichen Betrachters zum Vibrieren zu bringen. <BR>
Die Fähigkeit, nicht nur abstrakt malen, sondern ebenso denken zu können, prädestinierten Kandinsky in hohem
Maße zur pädagogischen Tätigkeit. Der Architekt Martin Gropius berief ihn 1922 an das Bauhaus, welches 1919 in
Weimar gegründet worden war, eine für ihren Funktionalismus bekannt gewordene Kunsthochschule, die sich zum
Ziel setzte, Kunst und Handwerk wieder zusammenzuführen. Dort unterrichtete Kandinsky zusammen mit Klee,
Feininger, Itten, um nur einige zu nennen, als sogenannte Formmeister. Im Jahr einer großen Krise des Bauhauses
1929 entstand das Bild Innerer Bund. Der Architekt Hanns Meyer, ein Marxist, hatte die Leitung übernommen, so daß
besonders das Bauhaus Zielscheibe der aufkommenden Nationalsozialisten wurde, die es dann 1933 wegen
angeblicher ”kulturbolschewistischer Umtriebe” schlossen. Als wolle er das harmonische Gleichgewicht der Dinge
beschwören, welches den immer einseitigen Extremen mangelte, führt er in Innerer Bund die aufeinander bezogenen
Gegensätze und so erst ein Ganzes in seiner Malerei vor Augen: Links auf. gelbem Grund, Sonne und Licht voll von
dehnender Spannung zur Höhe, rechts auf schwarzer Folie Mond und Dunkel, eckig auf die Fläche gebreitet.