Kandinsky Improvisation 10
auch ein Ernst Beyeler hatte seine dunklen Momente
Fondation Beyeler Riehen
Es ist die Nummer 10 einer Serie von Gemälden welcher
Kandinsky den Namen "Improvisation" gab. Sie sollen
plötzlich erscheinende Ausdrücke seines inneren
Unbewussten vermitteln, erklärte er. Das 1910 geschaffene
abstrakte Gemälde - eines der ersten dieser Art in der
Kunstgeschichte - hat nur wenige figurative Reste, etwa die
Linien und Kuppeln recht welche an den Kreml erinnern,
oder die Kurven links die man als Frauen vor einem offenen
Grab interpretieren kann. Gemäß einer vorangehenden
Skizze soll das Gemälde die Wiederauferstehung des
Russischen Osterfestes symbolisieren.
Das Bild gelangte 1919 in den Besitz des Ehepaares Paul
Erich und Sophie Küppers in Hannover. Nach dem Tod von
Paul Erich 1926 heiratete seine Frau Sophie den russischen
Avangardisten El Lissitzky und folgte ihm nach Russland.
Das Bild ging als Leihgabe ans Provinzial-Museum der Stadt
Hannover. Dort wurde es 1937 vom Deutschen Reich im
Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt, und
gelangte 1939 zu einem Deutschen Kunsthändler. Von diesem
erstand es der Schweizer Kunstsammler Ernst Beyeler in
gutem Glauben 1951 für seine Galerie in Basel. Damals wusste
er noch nicht dass es sich um einen typischen Fall von
Raubkunst handelte, der in einem langjährigen, erbitterten
Rechtsstreit münden würde (Lissitzky case).
Nach dem Mauerfall 1989 reiste der Sohn von Lissitzky
Küppers, Jen in den Westen und klagte auf Herausgabe des
Bildes. Begründung: Beyeler habe damals wissen müssen,
dass es sich um Raubkunst handelte. Das stimmte zwar nicht,
war aber nicht leicht zu widerlegen. Erst 2002 kam es zu einer
Einigung. Das Werk blieb im Bestand der Beyeler Stiftung.
Ein bitterer Nachgeschmack ist jedoch geblieben, ein Schatten
war auf das Bild des vorbildlichen Schweizer Händlers und
Sammlers gefallen. Beyeler selbst, so unnachgiebig er in dem
Rechtsstreit auftrat, wird das am meisten geschmerzt haben.
Auch anständige Menschen wie er haben ihre dunklen
Momente.