Jean Dominique Ingres La Grande Odalisque
wenn die Wissenschaft zu Hilfe kommt
Tizian Venus von Urbino
Ingres Odalisque fiel bekanntlich beim Pariser Salon 1819 durch.
Nicht so sehr wegen der Darstellung einer Nackten - sie ist eindeutig
weniger freizügig als etwa Tizians Venus von Urbino - sondern wegen
ihrer anatomisch wenig getreuen Wiedergabe. Man warf Ingres vor,
die Proportionen der menschlichen Anatomie in seinem Werk nicht
bercksichtigt, und mit den Regeln der klassizistischen Malerei
gebrochen zu haben, insbesondere mit jenen seines Lehrers Jacques
Louis David (1748-1825). Kritiker Charles Paul Landon meinte Ni os,
ni muscles, ni sang, ni vie, ni relief, rien enn de ce qui constue
limitation.Ein anderer meinte, sie habe 3 Lendenwirbel zu viel. Das
stellte sich als falsch heraus. Drei Pariser Forscher nahmen sich im
Jahre 2004 dieser existentiellen Frage an und fanden durch einen
Vergleich mit einer normal proportionierten Person dass sie nicht 3
sondern 5 zusätzliche Lendenwirbel hatte (Artikel in J. Royal Society:
"Extra vertebrae in Ingres' La Grande Odalisque"). Jetzt wissen wir
es.
Ingres traf nicht den Geschmack des Empires, das stimmt, es stimmt
aber auch dass die Kritiker unrecht hatten. Sie verstanden ganz
einfach nicht Ingres Stil. Die Deformationen waren von ihm eindeutig
gewollt, als er uns in seiner Odalisque den Orient vorgaukelte.
2004
Bei dieser Knochenbeschau wird oft vergessen dass das Gemälde viele
andere sehenswerte Details enthält, wie etwa die wunderbare
Ausfhrung der Arabeske, die herrlichen Stoffdetails der seidenen
Laken und Satinvorhnge, die kostbaren Schmuckstcke und der
Detailreichtum der orientalistischen Accessoires. Besonders hübsch ist
der Pfauenfedergeschmückte Fächer mit seinen farblich getreuen
Pfauenaugen, der Turban, die riesigen Perlen, und die Huka Pfeife zum
Haschisch bzw. Opium rauchen. Eine Duftlampe im rechten Bildrand
lsst vermuten, dass die Luft mit dem satten Aroma von
Rucherstbchen angereichert ist. Wie man sich halt den Orient
damals vorstellte.
Ingres malte seine Odalisque 1814 in Rom im Auftrag von Napoleons
Schwester Caroline Murat, seit 1808 Königin von Neapel, vermutlich
als Geschenk für ihren Mann. Zur Überreichung kam es aber nicht,
denn das Empire war dabei zu zerbröckeln. Das Gemälde blieb also
unbezahlt, wurde aber 1819 von einem Kammerherrn des preußischen
Knigs gekauft. Schließlich erstand es der Louvre nach mehreren
Besitzwechseln im Jahre 1899.
Inzwischen war auch das zweite Empire zerfallen.
Odalisque