Interview: Das ist eine typische Verirrung unserer Zeit. Alles Schöne ist schlecht, alles Häßliche ist
gut. Vielleicht behauptet man irgendwann auch: Die Sonne ist schlecht, gut ist die Finsternis! Das
sind die Dogmen der modernen Kunst, und die Architektur hat sie aufgegriffen. Wenn ein moderner
Maler sich dabei ertappt, wie er zufällig etwas Schönes, Gefälliges macht, dann zuckt er zusammen,
weil er weiß, so etwas darf nicht sein, er muß es also wegradieren, übertünchen, ausmerzen. Das ist
bei ihm schon zum Reflex geworden, weil er weiß, was von ihm erwartet wird. Das ist aber eine
weltfremde, rein intellektuelle Maxime. Sie schwebt in der Luft. Der Mensch sehnt sich nach
Schönheit, nach Harmonie, nach Natur. Mißtöne und Disharmonien haßt er. Über Jahrhunderte war
die Schönheit das Ziel der bildenden Künste. Es hieß ja auch "die schönen Künste". Das soll über
Bord geworfen werden. Warum? Nur, weil unsere Gesellschaft am Abgrund steht? Häßliche Dinge
zu zeigen ist keine Perspektive; Häßliche Dinge stoßen nur ab und verfehlen das Ziel, das sich der
Künstler selbst gesetzt hat, nämlich, die Menschen zu erziehen.
Betrachten Sie Bildung als Ballast für einen Künstler? Versperrt Bildung den intuitiven Zugang zur
Kunst?
Hundertwasser: Das stimmt in großem Maße. Bildung hemmt. Etwas, was einem anerzogen wurde,
entspricht nicht der eigenen Kreativität. Es ist eine aufgepfropfte Kreativität. Das ist so, als ob man
ein Organ eingepflanzt bekommt. Man muß das erst abstoßen, um zu sich zu kommen. Das wahre
Wissen ist individuell geformt. Das andere Wissen ist einem aufgezwungen wie ein Anzug, der nicht
paßt.
WELT: Wenn Sie das für sich als richtig erkannt haben, wie gehen Sie dann mit Bildung um?
Versuchen Sie zu vermeiden, sich zu bilden? Meiden Sie Bücher?
Hundertwasser: Ich versuche die Bildung abzustoßen, die ich von anderen bekommen habe, um nur
das zu behalten, was ich in Einklang mit mir selbst bringen kann. Für viele Ältere bin ich so etwas
wie Picasso, etwas, was sie nicht verstehen und was sie ablehnen, weil ihre Vorstellung von Kunst
eher durch Alpenglühen und Bergseen mit Hirschen im Hintergrund befriedigt wird.