Im Berner Oberland, rund um den Thunersee findet man zwar
keine Kunstmuseen, dafür aber Standorte für beliebte
Bergmotive. Zwei Berge hatten es dem Berner Maler
besonders angetan, zum einen die Stockhornkette, deren
markant hervortretender Gipfel 2190 m. ü. M. erreicht, und
zum anderen der noch höhere Niesen mit seinen 2362 m. ü.
M., eine fast furchterregende Bergpyramide gegenüber von
Aeschi bei Spiez, dem Herkunftsort der von Känels (und
Sommers!).
Fast ein halbes Jahrhundert lang beschäftigte sich Hodler mit
den zwei Bergmassiven und malte sie bei den verschiedensten
Witterungsverhältnissen und Jahreszeiten. Mehrere Dutzend
Bilder wurden es, wenn man dem Werkverzeichnis von O
Bätschmann und P Müller Glauben schenkt. Die Gemälde
haben sich offenbar gut verkauft, denn sie sind heute über den
halben Globus verstreut. Viele sind in Schweizer Museen und
damit öffentlich zugänglich, darunter auch in Genf (MAH), und
einige haben eine bewegte Geschichte.
Ferdinand Hodlers Stockhornserie
Hodler Stockhornserie
Hodler begann seine erste Serie 1882 in der
Umgebung von Thun, und erhielt mit dem Bild
Alpenlandschaft (Das Stockhorn No 104) 1883 in
Genf den ersten Preis beim Concours Calame (heute
im Bestand des Musée d'art et d'histoire, Genf). Das
war noch vor dem Skandal mit seiner La Nuit (1889).
Einige Jahre später (1904/05) malt er die
Stockhornkette in einem Dutzend weiterer
Versionen, und ab 1912/13 beschäftigt er sich
erneut mit diesem Motiv, als er seine kranke
Freundin Valentine Godé-Darel in Hilterfingen
besuchte, wo sie zur Erholung weilte. Er widmete ihr
ein Bild mit persönlicher Widmung "An meine
Valentine" (No 487 in Privatbesitz).
Ein anderes Bild (No 485) aus dieser Zeit ist im
Depot des Kunstmuseums in St Gallen und wartet
auf Klärung des Restitutionsanspruchs eines seiner
vorigen Besitzer.
1913 (No 485)
um 1913 No 487
1883 No 104
Interessant bei allen Gemälden ist die Motivation Hodlers zu
erkunden, warum er diese beiden Bergmassive in so vielen
Variationen malte. Auffallend ist die Symmetrie seiner Bilder.
Hodler konzipierte sie meistens um zwei Symmetrieachsen, die
horizontale Achse als Uferlinie des Thunersees, die die
Darstellung ungefähr mittig in eine untere und obere Bildhälfte
trennt und als Kante der Spiegelung der Bergmassive nach
unten dient. Die zweite, vertikale Achse teilt das Bild fast
symmetrisch in eine rechte und linke Bildhälfte. Das Gemälde
«Thunersee mit symmetrischer Spiegelung» 1909 No 393 im
Bestand des MAH Genève zeigt dies besonders anschaulich.
Hodler liebte offenbar solche Symmetrien, denn sie zeigen die
Unveränderlichkeit eines Objektes, auch wenn es gedreht,
gespiegelt oder verschoben wird. Die Symmetrie stellte eines
der wichtigsten Gestaltungsprinzipien auf Hodlers Suche nach
einem Naturphänomen dar, das im Zentrum seines Schaffens
stand, und das er "Parallelismus" nannte. "Parallelismus
benenne ich jede Art von Wiederholung", erklärte er in einem
Vortrag. Hodler liebte offenbar den Reiz der Wiederholung, und
dies nicht nur auf seinen Bildern, sondern auch beim Malakt
selbst, den er so oft wiederholte. Warum er die Bezeichnung
"Parallelismus" dafür wählte ist allerdings unklar.
Thunersee mit
symmetrischer
«Spiegelung» 1909 No
393
Gemäldeserien