Kunstmuseum St Gallen
F. Hodler Stockhornkette mit Thuner See im Winter
gilt als NS-Raubkunst, Fehler in Zuordnung der Provenienz schürt seit Jahren schwelenden
Restitutionsfall. Besuch vor Ort zeigt genauen Standplatz von Hodlers Staffelei
Das Motiv der "Stockhornkette" malte Hodler in mindestens 33
Versionen. Eine davon wurde 1985 vom Sankt-Gallischen
Regierungsrat und Nationalrat Simon Frick und seiner Frau Charlotte
für deren Privatsammlung ersteigert, und zwar im Rahmen einer
Auktion der renommierten Galerie Kornfeld in Bern. Sie ahnten
damals nicht was sie erwarten wüde. Nachdem sie 1986 den
Grundstein für die Simon-und Charlotte-Frick-Stiftung legten, und
davon einige hochkarätige Gemälde leihweise dem Kunstmuseum St.
Gallen überliessen, begannen die Probleme.
Es stellte sich heraus, dass aufgrund einer falschen Zuordnung unter
den 33 Versionen der Stockhornkette die Provenienzen zweier Werke
verwechselt worden waren. Das von Frick ersteigerte Werk stammt
aus der Sammlung des jüdischen Unternehmers Max Silberberg in
Breslau. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen,
vertrieben diese ihn und seine Familie aus seiner Villa, und in seiner
finanziellen Not sah er sich gezwungen, die meisten Werke seiner
Kunstsammlung zu versteigern. Hodlers «Stockhornkette» war dabei.
Das Gemälde kam 1935 für 3800 Reichsmark, umgerechnet knapp
7000 Franken, unter den Hammer. Wer der Käufer war, ist bis heute
unbekannt, es gilt aber als gesichert, dass das Bild unter Zwang
versteigert wurde. 1942 wurden Max Silberberg und seine Frau im
Konzentrationslager Auschwitz ermordet.
Von all dem wusste Simon Frick nichts, als er die «Stockhornkette»
1985 bei der Galerie Kornfeld in Bern kaufte.
Bis sich 2001 Gerta Silberberg, die Schwiegertochter des
ermordeten Ehepaars, bei ihm meldete, um «vermögensrechtliche
Fragen hinsichtlich des Hodler-Bildes» zu klären. Simon Frick konnte
sich allerdings nie dazu durchringen, auf die von Silberberg
erwünschten Gespräche einzugehen. Er starb 2011 im Alter von 97
Jahren, seine Frau nur wenige Wochen nach ihm. Gerta Silberberg,
die in Leicester in England ein einfaches Leben führte, verschied
ihrerseits 2013 mit 99 Jahren. Heute liegt es an den Erben, eine
Lösung zu finden.
Bis dahin könnte das Gemälde eigentlich nicht öffentlich gezeigt
werden. Die Stiftungsurkunde der Fricks hingegen stipuliert:
«Die leihweise Übergabe dauert so lange, als die Gemälde im
Kunstmuseum durch die Öffentlichkeit besichtigt werden
können.» Das Kunstmuseum St. Gallen hat somit ein Problem:
Es muss, achtet es den Willen der Stifter, das Bild der
Sammlung Frick zurückgeben, oder sie öffentlich zeigen. Bis
jetzt wählte sie letzteren Weg, allerdings versteckt irgendwo in
einem Stiegenaufgang, um dem Gesetz Genüge zu leisten.
Eigentlich beschämend, denn der Fall Silberberg ist schon seit
fast 20 Jahren ungelöst.
Eine etwas unverfänglichere Frage betrifft den genauen Ort an
dem Hodler dieses Gemälde schuf. Der Berner Oberländer
weilte ja oft am Thunersee und hatte dort seine Lieblingsplätze,
wo er seine Staffelei aufstellte. Das sehr detaillierte
Werkverzeichnis von Bätschmann/Müller gibt zwar Auskunft
wo das Bild wahrscheinlich tstand, nämlich in Hilterfingen, ein
Besuch vor Ort drängte sich aber dennoch auf.
Ein Besuch von Schloss Hünegg (August 2020) legt nahe dass
Hodlers Staffelei dort gestanden haben könnte.
Malstandorte Hodler
Schloss Hünegg