Giottos “Fliege”
Giorgio Vasari zufolge soll Giotto di Bondone in Absenz Cimabues eine kleine Fliege auf die Nase
einer vom Meister gemalten Figur gesetzt haben (Giorgio Vasari: Das Leben des Cimabue, des
Giotto und des Pietro Cavallini, übers. v. Victoria Lorini, hrsg. v. Fabian Jonietz u. Anna Magnago
Lampugnani, Berlin 2015, S. 94). Zurückgekehrt erblickt Cimabue das Insekt und versucht es
mehrmals vergeblich zu verscheuchen, bis er bemerkt, von seinem Schüler reingelegt worden zu
sein.
Zuvor hatte schon Filarete berichtet, dass Giotto lebensecht aussehende Fliegen malte, die
Cimabue mit einem Tuch versucht haben soll zu verscheuchen (Filarete, beginnend mit „di
Giotto si legge…“, scheint die Anekdote einer anderen, heute verlorengegangenen, literarischen
Quelle entnommen zu haben und so war die Künstlerlegende eventuell schon früher bekannt,
vgl. Antonio Averlino detto il Filarete: Trattato di Architettura, hrsg. v. Anna Maria Finoli u. Liliana
Grassi, Mailand 1972, S. 665). Mit der Anekdote verfestigt er spezifische Eigenschaften Giottos
in der Kunstliteratur, die schon im 14. Jahrhundert (Boccaccio, Villani) die Figur des Künstlers
umschreiben: seinen Witz, seine Klugheit und seine Gabe zur Naturnachahmung. Filaretes und
Vasaris Versionen der Anekdote unterscheiden sich allerdings markant: von vielen Fliegen bleibt
nur eine, von einer unspezifischen Positionierung erreicht das Insekt einen zentralen Ort des
Bildes und des menschlichen Körpers, die gemalte Nasenspitze (siehe Paduaner Bilderbibel).
In der Abbildung zu Ex. 8, 16-28 suchen Stechfliegen, eine der zehn Plagen, das Volk Ägyptens
heim. Das kleine Bildfeld zeigt einen Dialog zwischen dem rechts gestikulierenden Pharao,
gekrönt sowie mit Herrscherstab ausgestattet, und den ihm gegenüberstehenden ägyptischen
Magiern, die letzterer zur Hilfe gerufenen hatte, doch welche sich im Angesicht der göttlichen
Plage als machtlos erahnen. Vor ihnen tummelt sich Vieh, über dem überdimensional große
Stechfliegen ihr Unwesen treiben und von denen eine den Pharao direkt auf die Nase sticht.
Bibbia Padovana, um 1400, Pergament, 325×230 mm, British
Library © British Library Board (Add MS 15277, f. 5v)
https://www.zispotlight.de/simone-westermann-
ueber-eine-aufmuepfige-fliege-ein-bildwitz-um-
1400/