Alberto Giacometti - Portrait
d’Annette
niemand sass häufiger Modell als seine Frau Annette.
Ihr Abbild erscheint in allen erdenklichen
Ausschnitten: als ganzfiguriger Akt, als Büste oder
bloß als weiblicher Kopf. Die um 20 Jahre jüngere
Annette lernte Alberto während der Kriegszeit in Genf
kennen und folgte ihm 1946 nach Paris, um dort mit
ihm zu leben. Damit begann für die junge Frau ein
nicht eben leichtes Leben. Auch als Giacomettis Ruhm
in den fünfziger Jahren wuchs, er durch seine Kunst
reich wurde, lehnte er - auch was seine Frau betraf -
weiterhin jede luxuriöse Lebensführung ab. Zudem
färbte die ständige Unzufriedenheit Giacomettis mit
sich und die Verzweiflung am Gelingen seines Werkes
auf seine Frau ab ein Leben in einem täglichen und
nicht endenden Zyklus von Aufbau und Zerstörung
mußte zermürben. Es konnte nicht ausbleiben, daß
Annette zusehends verbitterte. Sie hatte sich
bedingungslos in den Dienst an der Kunst Giacomettis
gestellt und bekam dafür nur selten Anerkennung.
Den Eindruck des Skizzenhaften, Unfertigen und des
Non-finito ist sämtlichen Werken Giacomettis, aber
besonders den grisailleartigen Gemälden eigen.
James Lord, amerikanischer Schriftsteller, Freund und
wichtiger Biograph Giacomettis, ließ sich im
September 1964 von Alberto porträtieren. Den
Verlauf der 18 Sitzungen, die dies Unternehmen
dauerte, zeichnete er auf und veröffentlichte es 1965
unter dem Titel A Giacometti Portrait. Darin schrieb
er über die Bedeutung des Porträtmalens folgendes -
eine Bemerkung, die auf alle Bildnisse zutrifft: ”Das
Portrait hatte als Portrait keine Bedeutung mehr.
Selbst als Gemälde schien es nicht viel zu bedeuten.
Was Bedeutung hatte, was einzig da war und ein
Eigenleben besaß, war sein unermüdlicher, endloser
Kampf, durch den Akt des Malens bildhaft eine
Wahrnehmung der Wirklichkeit zum Ausdruck zu
bringen, die für einen Augenblick mit meinem Kopf
übereinstimmte. Dies zu erreichen, war natürlich
unmöglich, denn was seinem Wesen nach abstrakt ist,
kann niemals veranschaulicht werden, ohne sein
Wesen zu verändern. Aber er war darauf festgelegt, in
der Tat sogar verurteilt, dies zu versuchen, und
zeitweise schien seine Aufgabe eher der des Sisyphus
vergleichbar”.