Der Kunstmarkt funktioniert bekanntlich so wie der Markt für alle Waren nach
Angebot und Nachfrage –und er fragt auch nicht nach Moral. Bei solch gigantischen
Profiten stellt sich dennoch die Frage nach den Umständen, unter denen solche
Gemälde entstanden sind. Legitimiert blosses Besitzersein das Einstreichen eines so
hohen Gewinns unter Vernachlässigung der Nachfahren derjenigen, die dem Künstler
Modell gesessen und ihn, ob freiwillig oder nicht, in ihrer Mitte aufgenommen haben?
Bei Gauguins Gemälde haben wir es mit den exotischen Fantasien eines Mannes zu tun
der - abgesehen von seinen verschriftlichten sexuellen Fantasien und Unterstellungen -
in seinem Gastland ein Leben führte, das dem kolonial-männlichen
Überheblichkeitsanspruch entsprach. Er nahm sich 13- und 14-jährige Mädchen als
Modelle ins Haus und lebte mit ihnen seine erotisch-sexuellen Wunschträume aus.
Kindsmissbrauch also. Ob die junge Frau im Vordergrund von «Nafea faa ipoipo?» eine
von diesen «Bräuten» war, die schon vor der Ankunft Gauguins einem jungen
Tahitianer versprochen war, dann aber ins «Blickfeld» Gauguins gelangte, und ob sie
von ihm schwanger wurde, was mit diesen Kindern eines Weissen, der sich um keine
sozialen Verflechtungen und Verpflichtungen vor Ort kümmerte, geschah, ist nicht
bekannt. Dass Gauguin zur Verbreitung der mitgebrachten Syphilis auf der Insel
beigetragen haben könnte - an der er nur 55-jährig 1903 vor Ort starb - macht die
Sache nur noch schlimmer.
Im Lichte solcher Umstände wäre die Idee einer finanziellen Zuwendung von
Sammlern, die an Gemälden ein Vermögen verdienen und sich gerne als Philanthropen
geben, an die Nachfahren der betroffenen Familien nicht völlig abwegig.