Paul Gauguin Nafea faa ipoipo (Wann heiratest du?)
Von der Südsee in den Wüstensand
Das farbenprächtige Gemälde entstand 1892 während Gauguins ersten
Aufenthaltes in Tahiti. Er fuhr dort hin, um seinen „Südseetraum“ zu
verwirklichen. Wie man weiß, bestand dieser hauptsächlich aus (sehr) jungen
Mädchen, und seine Vorstellung einer "unberührten" Kultur wurde enttäuscht.
Papeete war eine französische Kolonialstadt, und die ursprünglichen Einwohner
hatten durch Christianisierung und andere westliche Einflüsse bereits viel von
ihrer eigenen Kultur verloren. Selbst die im Gemälde abgebildeten farbenfrohe
Kleider der beiden Polynesierinnen waren Importe aus Europa.
Das Gemälde ging auf ausgedehnte Reisen. Gauguin brachte es 1893 nach Paris
und gab es dort beim Kunsthändler Paul Durand-Ruel für 1500 Francs in
Kommission. Danach gelangte es über Umwege in die Schweiz (Zurich, Genf,
Basel) die USA (Dallas) und dann wieder zurück in die Schweiz (Basel), bevor es
endgültig in Katar (Doha) landete. Interessant waren die letzten Stationen. Der
Basler Sammler Rudolf Staechelin erwarb das Bild 1917 nach zähem Verhandeln
um 18.000 Fr., und stellte es 1947 als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum Basel
zur Verfügung. Um einem Ausfuhrverbot seiner Sammlung zuvorzukommen
verlagerte er diese 1997 nach Fort Worth bei Dallas (Texas), wo das Gemälde bis
2002 im Kimbell Art Museum ausgestellt wurde. Danach ging es erneut als
Leihgabe ins Basler Kunstmuseum (bis 2014), diesmal im Besitz des Rudolf
Staechelin Family Trust, eine Konstruktion nach New Yorker Recht.
Als der Vertrag auslief, informierte die Familie Staechelin dass der Trust das
Bild verkauft hat. Käuferin war Sheikha Al-Mayassa, die ebenso kunstsinnige
wie kauffreudige Schwester des regierenden Kronprinzen von Katar, Tamim
bin Hamad al-Thani. Dorthin waren in den vergangenen Jahren immer wieder
hochkarätige Kunstwerke abgewandert, darunter eine Version von Cézannes
Kartenspieler (2011 um 250 Millionen Dollar) und Klimts Wasserschlangen II
(2013 um 120 Mio.$). Der Kaufpreis des Gauguin von 210 Mio. $ reiht sich
würdig in diese Liste ein. Dass es in der Folge zu einer Klage vom Vermittler
des Deals (Simon de Pury) gegen den Verkäufer (Stiftung Staechelin) wegen
Nichtbezahlung der Provisionsgebühr von 10 Mio. $ kam, gehört schon fast
zum guten Ton bei solchen Geschäften. De Pury gewann nach 3 Jahren.
Seither weiss man dass auch bei Kunstgeschäften ein simpler Handschlag gilt.
Es war vermutlich einer der teuersten der Kunstgeschichte.
Zurück zum Gemälde. Es ist seit dem Verkauf verschwunden. Ob es je im 2019
eröffneten "Qatar National Museum" (Nouvel) auftauchen wird, oder in
einem noch zu errichtenden Museum für moderne Kunst in Doha, steht in
den Sternen. In Katar bestimmen der Scheich und seine Familie nicht nur die
Politik, sondern auch die Welt der Kunst und Museen.
Was hingegen gesichert bleibt ist die exorbitante Wertsteigerung des
Gemäldes. «Nafea faa ipoipo?» hat seit seinem Kauf 1917 für 18000 Fr. und
dem Verkauf 2015 für 210 Mio. $ eine fast 12000-Fache Steigerung seines
Wertes erfahren.
Klimt Wasserschlangen II
Cézanne Kartenspieler
Der Kunstmarkt funktioniert bekanntlich so wie der Markt für alle Waren nach
Angebot und Nachfrage und er fragt auch nicht nach Moral. Bei solch gigantischen
Profiten stellt sich dennoch die Frage nach den Umständen, unter denen solche
Gemälde entstanden sind. Legitimiert blosses Besitzersein das Einstreichen eines so
hohen Gewinns unter Vernachlässigung der Nachfahren derjenigen, die dem Künstler
Modell gesessen und ihn, ob freiwillig oder nicht, in ihrer Mitte aufgenommen haben?
Bei Gauguins Gemälde haben wir es mit den exotischen Fantasien eines Mannes zu tun
der - abgesehen von seinen verschriftlichten sexuellen Fantasien und Unterstellungen -
in seinem Gastland ein Leben führte, das dem kolonial-männlichen
Überheblichkeitsanspruch entsprach. Er nahm sich 13- und 14-jährige Mädchen als
Modelle ins Haus und lebte mit ihnen seine erotisch-sexuellen Wunschträume aus.
Kindsmissbrauch also. Ob die junge Frau im Vordergrund von «Nafea faa ipoipo?» eine
von diesen «Bräuten» war, die schon vor der Ankunft Gauguins einem jungen
Tahitianer versprochen war, dann aber ins «Blickfeld» Gauguins gelangte, und ob sie
von ihm schwanger wurde, was mit diesen Kindern eines Weissen, der sich um keine
sozialen Verflechtungen und Verpflichtungen vor Ort kümmerte, geschah, ist nicht
bekannt. Dass Gauguin zur Verbreitung der mitgebrachten Syphilis auf der Insel
beigetragen haben könnte - an der er nur 55-jährig 1903 vor Ort starb - macht die
Sache nur noch schlimmer.
Im Lichte solcher Umstände wäre die Idee einer finanziellen Zuwendung von
Sammlern, die an Gemälden ein Vermögen verdienen und sich gerne als Philanthropen
geben, an die Nachfahren der betroffenen Familien nicht völlig abwegig.